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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Das Güstrower Ehrenmal ("Dom-Engel")

Noch im Dezember des Jahres 1926 begann Ernst Barlach mit den Gips-Arbeiten zu seinem Güstrower Ehrenmal im neuen Atelier. Vorausgegangen war im April 1926 der für Ernst Barlach nicht akzeptable Beschluss des Kirchengemeinderates des Güstrower Doms, anlässlich der Siebenhundertjahrfeier dieses Kirchenbaus ein Ehrenmal für die Gefallenen des I. Weltkrieges auf dem Vorplatz in Form eines Findlings mit einer Inschrift errichten zu lassen. Bei Ernst Barlach stieß dieses Vorhaben auf Ablehnung, weil es künstlerisch nicht vertretbar war. In diesem Zusammenhang hatte der Landessuperintendent Kittel am 13. April dem Schweriner Oberkirchenrast mitgeteilt, dass mehrere Kunstverständige der Stadt, besonders der bekannte Künstler Barlach, Widerspruch gegen das vorliegende Projekt erhoben hätten. Auch habe der Bildhauer Barlach in Aussicht gestellt, in zwei Wochen einen Vorschlag für die Errichtung eines anderen Kriegerdenkmals zu machen. Schließlich hatte der Gemeinderat des Doms den Güstrower Künstler Barlach als Auftragnehmer für ein Güstrower Ehrenmal gewonnen.

Bereits wenige Wochen danach unterbreitete Ernst Barlach dem Pastor Johannes Schwartzkopff bei dessen Besuch im Atelier seine Idee von einer schwebenden Figur in einem Seitenschiff mit niedrigem Gewölbe.

14 Jahre zuvor hatte Ernst Barlach bereits einen Schwebenden, in Gips getönt, gestaltet, in einen langen Mantel gehüllt, den Körper gestreckt, die Arme über der Brust verschlungen. Variationen im Figürlichen der Entwürfe sind in der Literatur dokumentiert:

Entwurf zum Güstrower Ehrenmal, 1926, Kohle mit einem Körper, in waagerechter Form schwebend, von einer Kette gehalten, das Haupt nach vorn gestreckt, durch die Weite des Mantels eine Keilform bildend;

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Bild links: Entwurf zum Güstrower Ehrenmal, 1926, Kohle (Nr. 60a: 1, S. 108, 26)

Güstrower Ehrenmal (Vorentwurf), 1927, Gips mit einem leicht nach oben gebogenen Körper, die Arme über dem Bauch gefasst, das Gewand zu den Füßen hin im Faltenwurf herab hängend;

Güstrower Ehrenmal (Vormodell), 1927, Gips, dem Vorentwurf ähnlich, jedoch die Arme im Mantelumhang verborgen, mit mehreren Falten im Gewand.

Bild mitte: Güstrower Ehrenmal, 1927, Gips, Altes Werkstattfoto (1, S. 111, 26)

Schließlich führte das Suchen nach dem Ideal des Güstrower Mals über den Entwurf (1926), den Vorentwurf (1927), das Vormodell (1927) zur endgültigen Form des "Schwebenden", als "Dom-Engel" bekannt geworden.

Bild rechts: Dom zu Güstrow, der "Schwebende", hängend im Kirchenschiff des Doms zu Güstrow (Nr. 63: Ansichtskarte Deutscher Kunstverlag München, Berlin, 26)

 Nach der Aufhängung des "Engels'' im Güstrower Dom ging die Kunde um, das Antlitz hätte die Gesichtszüge der Künstlerin Käthe Kollwitz. 1928 kam Reinhard Piper nach Güstrow, um sich den Engel zusammen mit Ernst Barlach anzuschauen. Der Künstler erklärte seinem Freund die Ähnlichkeit der Kollwitzschen Gesichtszüge beim "Dom-Engel'':

"In den Engel ist mir das Gesicht von Käthe Kollwitz hineingekommen, ohne dass ich es mir vorgenommen hätte. Hätte ich es so gewollt, wäre es wahrscheinlich missglückt" (3, S. 188).

Man kann sicher sein, dass Ernst Barlach bei der Gestaltung seines "Dom-Engels'' mit den Gesichtszügen, die denen der Käthe Kollwitz gleichen, keine politische, sondern eine künstlerische Aussage getroffen hatte. Bereits im März 1927 war das Gips-Modell im Verhältnis 1 : 1 gefertigt und konnte in der von Barlach häufig beauftragten Kunstgießerei Hermann Noack in Berlin-Friedenau in Bronze gegossen werden.

In einem Festgottesdienst wurde der "Dom-Engel'' am 29. Mai 1927 als Güstrower Ehrenmal der Öffentlichkeit übergeben.

Neun Monate später sah sich Ernst Barlach veranlasst, in einem Brief an Karl von Seeger seine persönliche Sicht auf die Gestalt des Engels darzustellen, vielleicht um das Rezeptionsverhalten der Menschen bei deren Begegnung mit dem Kunstwerk helfend zur Seite zu stehen. Der Künstler sah in seinem Engel

  • eine schwer ruhende Unbeweglichkeit als Ausdruck nie versiegenden Grams,
  • eine Abgewandtheit aus der Gegenwart hin in die Zeit des unerhörten Geschehens,
  • beides verkörpert durch eine Erstarrtheit in vollkommener Entrücktheit.

Mit dem "Dom-Engel'' gestaltete der Künstler Barlach ein Kunstwerk, das den gesellschaftlich bedeutsamen Orientierungen für die Gestaltung von Denkmalen gerecht wurde. In der Weimarer Republik wurde die Schaffung von Denkmalen als eine wichtige Aufgabe angesehen, der Toten des I. Weltkrieges mit einem Ehrenmal zu gedenken. Ernst Barlach entschied sich dabei nicht für ein Denkmal, das auf die Verherrlichung und Verehrung der im Krieg gefallenen Helden gerichtet war, sondern sah in seinem Denkmal ein erinnerndes Gedenken an das millionenfache sinnlose Sterben während einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Staaten, Nationen, Völkern. Die Denkmalsfigur "Dom-Engel'' war somit Ausdruck von Leid, Gram, Trauer, Gefasstheit in das Unabänderliche, von Trost und Überwindung des durch die Grausamkeit des Krieges verursachten Leides der Menschheit in dieser Kriegs- und Nachkriegszeit. Alle Denkmale Ernst Barlachs waren fortan Ehrenmale der Erinnerung und der Mahnung. Dieses Schaffenskonzept des Künstlers Barlach war ablesbar aus der Idee und seiner bildhauerischen Umsetzung, das sehr schnell im besonderen von jenen Betrachtern erkannt worden war, die die Heldenverehrung zum zentralen Anliegen der Kriegs-Denkmale gemacht haben wollten. Anfangs gab es bei Betrachtern des "Dom-Engels'' mitunter Unverständnis, Zweifel, Kritik, daraus entwickelte sich aber zunehmend Protest, Ablehnung, Beschimpfung, Verspottung. Und es waren nun nicht mehr die Einzelpersonen, sondern Gruppen von Vereinen, Verbänden, Parteien mit nationalistischem Anstrich. Bis zu Hitlers Machtantritt waren es Verleumdungen und Drohungen mit dem Ziel, den Volkszorn zu entfachen. Ernst Barlach registrierte diese Entwicklung in seinen Briefen (3, S. 190):

- an Karl Barlach (12. Dezember 1936):

"Ich bin gründlich in Verschiss in Nähe und Ferne. An der Entfernung des Engels im hiesigen Dom geht die Arbeit munter voran...",

- an Reinhard Piper (wenig später):

"Der Domengel, er hat so viele Freunde hier und auswärts, aber das zähe Bohren, Raunen, Abgraben...",

- an Ludwig Carriere (1. April 1936):

"Das Ehrenmal hier im Dom, die schwebende Gestalt, man sagt: Domengel, soll auch entfernt werden, man sammelt Unterschriften".

Unter den Gegnern gab es Herrn Jessen (Kreiskulturwart), er schrieb in der Mecklenburgischen Tageszeitung am 10. April 1936:

"Uns aber wird heute noch der Anblick eines Kunstwerkes zugemutet, welches den gefallenen deutschen Frontsoldaten und deren und Heldentum widerspricht...". Wir haben als Überlebende "die heilige Verpflichtung übernommen, das Andenken unserer gefallenen Frontsoldaten rein zu halten und nicht wieder durch solche Kunstwerke, zu denen wir blutmäßig nicht die geringste Beziehung haben, schänden zu lassen" (3, S. 190 f.).

Ähnlich äußerte sich am 6. Dezember 1935 auch der Güstrower Landessuperintendent Kentmann in einem Schreiben:

"Das Barlachsche Gefallenendenkmal hat mir schon längst viel Sorgen gemacht. Ich persönlich lehne es rundweg ab und würde es begrüßen, wenn es aus dem Dom verschwinden würde" (3, S. 191).

Boshaft und heuchlerisch zugleich waren zwei Aussagen eines und desselben Menschen, des Herrn Professor Josephi, Direktor des Landesmuseums Schwerin, der 1927 attestiert hatte:

"Wenn ein Mann wie Barlach seine Bereitwilligkeit erklärt hat .... und seine große Kunst, und zwar gleich in monumentaler Weise, mit Güstrow verknüpfen will, so kann überhaupt kein Zweifel sein ...." und so weiter;

am 26. Juni 1937 erklärte er dagegen:

"Ich habe von Anfang an den Standpunkt vertreten, dass die Güstrower Gefallenenehrung Barlachs, den ich stets als hochbedeutenden, wenn auch nicht sympathischen Künstler angesehen habe, künstlerisch verunglückt und auch sonst ein Fehlgriff sei" (3, S. 193).

An den neuen Pastor der Domgemeinde schreibt er:

"Ich möchte bemerken, dass ich von Anfang an gegenüber dieser Barlachschen Schöpfung den Ausdruck 'unzulänglicher Lösung eines Problems einer fliegenden Gestalt unter unerfreulicher Primitivität der Form' gebraucht habe und niemals auf den Gedanken gekommen wäre, dieses Bildwerk unter Denkmalschutz zu stellen" (3, S. 193).

Jetzt fehlte nur noch der Anlass zum Pogrom gegen den "Güstrower Engel'', es war die Brandrede Hitlers im Juli 1937 zum "Tag der Deutschen Kunst'' in München. Nun konnte Herr Kentmann in Güstrow handeln: Er berichtete am 19. Juli 1937, Aktenblatt 301, Betr.: Barlachsches Ehrenmal im Güstrower Dom:

"Aufgrund der heutigen fernmündlichen Beauftragung habe ich mich mit dem hiesigen Baumeister Pg. ("Parteigenossen'') Piersdorff besprochen und ihn beauftragt, die Entfernung des Ehrenmals durchzuführen. Er wird mit seinen Leuten Montag, den 23. nach der Mittagspause um 1/2 12 Uhr beginnen und bis zum Feierabend fertig sein. Ich habe angewiesen, die ganze Angelegemnheit streng vertraulich zu behandeln und zu niemand vorher davon zu reden" (3, S. 195).

Der Bürgermeister von Güstrow äußerste sich gegenüber dem herbeigeeilten Freund Barlachs Paul Schurek stolz über den Sieg im Kampf gegen den Engel:

"Damit ist es vorbei, Gott sei Dank! Das war ja 'ne Beleidigung für jeden Soldaten - ganz unheldisch - überhaupt unverständlich - soll eine gewisse Käthe Kollwitz darstellen, ich kenne die Dame nicht - Alles, was Barlach macht, ist abscheulich. Er sollte überhaupt nicht bildhauern" (3, S. 1996 f.).

Schließlich bekam alles, was sich im Vernichtungsgeschehen um den "Engel'' bis zum 21. April 1941 ereignet hatte, seine Legitimation. Eine Quittung der Firma Sommerkamp, Schwerin an die Kreisleitung der NSDAP Schwerin - Stadt:

Bild: Schreiben der Firma Sommerkamp an die Kreisleitung der NSDAP Schwerin-Stadt, 21. April 1941 (3, S. 199) (Nr. 64: 26) (fehlt noch)