wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Ehrenmale in Malchin und Magdeburg

079_small.jpgDie Anfeindungen rechtsgerichteter Kreise gegenüber dem Schaffen Ernst Barlachs im Zusammenhang mit der Aufstellung des "Geistkämpfers'' vor der Universitätskirche in Kiel nahmen danach weiter zu. Es waren vor allem die vaterländischen Vereine, die nichts unversucht ließen, Barlach und seine Kunst zu diskreditieren. Im Falle eines zu errichtenden Gefallenendenkmals für Malchin gelang es dem Ortsverein des "Stahlhelm'', die Vergabe eines diesbezüglichen Auftrags für Barlach zu verhindern. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits Skizzen für die Ehrenmale in Malchin und Magdeburg, auf der Rückseite eines Briefes an Adolf Kegelein vom 27. 12. 1928 gezeichnet:

Bild: Entwurf eines Ehrenmals für Malchin, 1929, Kohle (Nr. 68: 1, S. 137, 26)

Barlach selbst nannte die Gründe für seine Nicht-Berücksichtigung als Auftragnehmer für Malchin:

„Meine Entwürfe für ein Ehrenmal in Malchin sind zu Fall gebracht, dass man mich als Juden denunzierte, als auch, dass man behauptet, ich hätte das kommunistische Volksbegehren gegen den Panzerkreuzer unterschrieben" (3, S. 208).

Sechs Jahre später nahm sich Friedrich Dross der Problematik einer Verdächtigung Barlachs als Jude an, recherchierte in standesamtlichen Eintragungen, auch in Kirchenbüchern mit dem Ergebnis, dass Barlach sowohl väterlicherseits als auch mütterlicherseits ausschließlich von "Ariern'' abstamme. Um in der Öffentlichkeit zu diesem Sachverhalt Wirkung zu erzielen, schrieb Friedrich Dross einen Beitrag in den Mecklenburgischen Monatsheften über diese Judenproblematik unter dem Stichwort einer Plauderei über lustige Familiengeschichten und als "Gruß'' an Barlach mit Bezug auf seinen 64. Geburtstag (2. Januar 1934). Das von Dross beabsichtigte Konzept ging auf, die Presse stürzte sich auf diese Veröffentlichung. Ein Trost für Barlach, wenn auch nicht mehr, denn die Angriffe gegen ihn setzten sich fort. Für die Gegner Ernst Barlachs ging es zur Zeit der Ablehnung eines Auftrags für das Malchiner Denkmal nicht so sehr um dieses oder jenes Kunstwerk, sondern generell um das Barlachsche in seiner Kunst, was nicht geduldet wurde und was sich ja am Beispiel von Malchin vollzog. Noch war aber der offene Schlagabtausch nicht inszeniert, die Angriffe waren getarnt, erfolgten hinterrücks. So resümierte Ernst Barlach, dass er weiterhin zu tun hätte, dass sich neue Auftraggeber an ihn wandten, so für das Ehrenmal in Magdeburg. Barlach hatte das Lachen noch nicht verlernt, auch stellte er fest, dass man in ihn Vertrauen setzt und ihm jede Freiheit des Handelns gewährt. Die Holzarbeiten für das wohl aufwendigste und größte Ehrenmal Barlachs in Magdeburg konnten beginnen. Vorstudien als Zeichnungen in Kohle, als Werkmodell in Gips zeigten immer die Gestalten gefallener Soldaten, einmal in der Gruppierung zu dritt, ansonsten immer zu sechst:

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Bild: Flüchtige Skizze des Ehrenmals in Magdeburg, 1929 (Nr. 69: 1, S. 132/o,re, 26)

Ernst Barlach schlug mit seinem Gestaltungskonzept eine Brücke zwischen dem künstlerisch Neuen und einer auf Tradition ausgerichteten Gestaltungsweise, damit die Rezeptionsgewohnheiten der Betrachter berücksichtigend. Aus schweren Eichenholzstämmen arbeiteten Bernhard und Marga Böhmer die groben Konturen der drei stehenden Körper und der drei Oberkörper heraus, und zwar unter Einsatz neuer technischer Mittel, wie einem elektrischen Bohrgerät und der Punktiermaschine für die Übertragung der Maße vom Tonmodell auf das Holz. Dann kam die Arbeitsphase für Ernst Barlach, das Heraushauen der einzelnen Figuren mit seinem Hohleisen. Obwohl die Arbeiten am Magdeburger Mal auf ein Jahr veranschlagt waren, war das Denkmal nach sechs Monaten fertig gestellt und konnte am Totensonntag 1929 von den Gemeindemitgliedern und den interessierten Bürgern aus nah und fern betrachtet werden.


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Bild: Foto - Variationen vom Ehrenmal im Magdeburger Dom, (Nr. 70: 1, S. 129, 26)

Sofort gab es Urteile über das Gefallenen-Denkmal. Georg Gretor, ein dänischer Journalist, beschrieb relativ ausführlich die Figurenkonstellation in ihrer Funktion des Einzelnen für die Gesamtheit des Kunstwerkes. Ernst von Niebelschütz, Mitarbeiter der Magdeburgischen Zeitung, bekannte sich zu diesem Werk:

"Seit wenigen Stunden erst steht Ernst Barlachs Gefallenen-Denkmal im Magdeburger Dom... und doch wirkt es, als schlösse sich der Spitzbogen schon seit Jahrhunderten über ihm... Kein Fanfarenstoß tönt uns schmetternd entgegen, und auch der Uniform- und Waffenkundige wird sich achselzuckend von ihm abwenden. In ihm weht der Geist der Stille...'' (3, S. 211).

Wie schon bei Barlachs anderen Denkmalen gab es von Seiten der Besucher Reaktionen des Unverständnisses, der Häme, der Ablehnung. Der Kreisvorstand der Deutsch-Nationalen Volkspartei formulierte eine weitaus deutlichere Sprache, und diese Worte wurden in der Magdeburger Tageszeitung veröffentlicht:

„Der Vorstand hält für das ,am meisten Auffallende', dass die Figuren des Ehrenmals nicht die Merkmale der germanischen Rasse, sondern eines stumpfen, slawisch-mongolischen Typs, oder doch wenigstens eines ausgesprochen osteuropäischen Typs darstellen, die nach dem Gesichtsausdruck auf einer niedrigen Kulturstufe stehen müssen' '' (3, S. 213).

Am 24. September 1934 führte die Eingabe des Kirchenvorstandes des Domes zu Magdeburg zum Abbau des Ehrenmals, damit war Magdeburg der erste Ort der Entfernung eines Barlachschen Ehrenmals aus dem öffentlichen Raum. Das Denkmal wurde in der Berliner Nationalgalerie aufbewahrt, 1937 beschlagnahmt, glücklicherweise von Bernhard Böhmer nach Barlachs Tod zurückgekauft und somit vor der Vernichtung gerettet; ansonsten wäre eine Holzplastik für alle Zeiten verloren gewesen.

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