wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Das Grabmal Reuß

Heinrich XLV. Erbprinz Reuß kannte Barlach und bekannte sich zu ihm. Er konnte sich ein Urteil über das komplexe Wirken des Künstlers Barlach erlauben, war er doch - 1895 in Ebersdorf, Thüringen geboren, nach dem Besuch des Lizeums in Dresden, nach seinem Militärdienst als Oberleutnant im I. Weltkrieg und nach seinem Studium der Literatur, Musikwissenschaft und Philosophie in Leipzig, München, Kiel und Marburg - mit großem Engagement als Dramaturg im Reußschen Theater Gera tätig gewesen und hatte sich auch mit seinen Texten sowie durch Rezensionen zu Musik- und Theaterereignissen kunstwissenschaftlich ausgewiesen. Die Fürstenfamilie Reuß hatte 1923 "Die echten Sedemunds'', 1925 "Die Sündflut'' und 1927 das Drama "Der arme Vetter'' von Ernst Barlach im Reußschen Theater Gera aufführen lassen. Am 21. November 1928 starb Heinrich XXVII. Fürst Reuß. Sein Sohn erwirkte am 28. 11. 1929 die Uraufführung von Barlachs Drama "Die gute Zeit'' in Gera. Im "Programmbuch des Reußschen Theaters'' von 1929/30, Heft 10 veröffentlichte Heinrich XLV. Prinz Reuß einen Beitrag über Ernst Barlach (stark gekürzt):

... Der 'erdhafte' Barlach müsste anders aussehen als er wirklich aussieht. Seine schmale, kleine Gestalt, sein gelbes Gesicht, um das ein dünner Schifferbart steht, die gütigen Augen, der nervöse Mund und die auffahrenden Hände: Das ist Barlach, das ist die Ruhe und die Unruhe, die Erde und die fliehende Atmosphäre. Sätze beginnen und brechen ab, oder sie fahren in anderer Richtung davon, sein Blick umfasst mit dem Ding zugleich das, was dahinter, darüber ist, ein Schweben, ein Leuchten breitet sich ihn um Gegenstände und Tun... (6, S. 88).

Nachdem sich Heinrich XLV. Erbprinz Reuß und Ernst Barlach bereits im Frühsommer 1929 in Güstrow getroffen hatten, vermutlich zur Absprache über eine in Auftrag zu gebende Grabanlage Reuß im Schlosspark Ebersdorf, war bei einer zweiten Begegnung Anfang November 1929 - kurz vor der Uraufführung von Barlachs Drama "Die gute Zeit'' am Reußschen Theater Gera - der Künstler Barlach Gast des Erbprinzen Reuß in Gera gewesen, hier hatte man wohl wieder über das zu errichtende Grabmal für die Fürstenfamilie gesprochen, und es wurde - trotz einer Reihe von Bewerbern für das Projekt - die Ausführung durch Ernst Barlach fest vereinbart.

Ernst Barlach hatte dann seit dem Februar und bis Dezember 1929 an einer größeren Anzahl sehr variantenreicher Entwürfe in Kohle gearbeitet, gleichsam als Suche nach einem überzeugenden Konzept für diese Grabanlage:

Grabmal Reuss (Entwurf), dreiteilige Anlage mit zentral positionierter weiblicher Gestalt mit gelöschten Fackeln, 1929, Kohle;
Grabmal Reuss (Entwurf), halbkreisförmige Anlage mit Christusfigur, die Arme abgewinkelt, 1929, Kohle;
Grabmal Reuss (Entwurf), kuppelförmiger Tumulus mit umlaufenden Fries des Lebens und Kreuz, 1929, Kohle:

Bild links: Grabmal Reuß, (Entwurf), turmartige, gegliederte Grabkapelle mit Standfiguren unter Rundbögen, 1929, Kohle (Nr. 71: 6, S. 96, 26,)
Bild mitte: Grabmal Reuss,Gesamtmodell der Anlage (vier Gräber), 1930/31, Gips (Nr. 73: 6, S. 92, 26)
Bild rechts: Grabmal Reuß (Entwurf), Gesamtanlage (acht Gräber), 1929, Kohle (Nr. 72: 6, S. 90, 26)

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Heinrich XLV. entschied sich im Dezember 1930 für den hier zuletzt aufgeführten Entwurf, wonach Ernst Barlach die komplette Anlage als Gesamtmodell im Verhältnis 1 : 10 , 1930/31 in Gips gestaltete. Mit der Bauleitung des Grabmales Reuß in Ebersdorf wurde der Architekt Adolf Kegebein beauftragt.

Dieses endgültige Modell sieht eine Reihung von vier Gräbern vor, jeweils zwei Einzelgräber befinden sich neben den benachbart, in größerer Form gestalteten "Zentralgräbern''. Gegenüber dem Entwurf von 1929 war die Gräberreihe auf jeder Seite um zwei Gräber reduziert worden. Hinten ist die gesamte Anlage von einer niedrigen, in Wellenform gehaltenen Mauer begrenzt, am Kopfende der Gräber befinden sich die einzelnen Grabsteine. Einbezogen in die Begrenzungsmauer erhebt sich hinter den Zentralgräbern ein Kreuz, auf eine Gedenktafel mit Inschriften gestellt, vgl. nachfolgende Fotos (25, 05/2007):

1. Bild von links: Blick auf die Grabanlage Reuß (Nr. 74: 25)
2. Bild von links: Blick auf das Zentrum der Grabanlage Reuß (Nr. 75: 25)
3. Bild von links: Trauernde I (Nr. 76: 25)
4. Bild von links: Trauernde II (Nr. 77: 25)

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An den Seiten des Kreuzes sitzen die zwei Trauernden jeweils auf einem Sockel, mit dem Rücken gegen das Kreuz gelehnt. Der Steinbildhauer Eugen Treleani hat sie gefertigt. Beide Frauen sind in einen Umhang gehüllt, der über den Kopf geführt ist, das Gesicht frei lassend. Die Beine sind in rockartige Gewänder gehüllt. "Trauernde I'' blickt aus zu Schlitzen verengten Augenlidern, die Hände aus dem Umhang heraus auf dem Schoß liegend. "Trauernde II'' hat die Augen geschlossen, ihre Arme und Hände sind unter dem Umhang nach oben bis unter das Kinn geführt. Ernst Barlach hatte sich zum Schluss der Arbeiten vor allem den Trauernden zugewandt und die Gesichter sowie die Hände beider Figuren noch einmal überarbeitet.

Im Oktober 1931, nach Fertigstellung des Grabmals Reuß, schrieb Heinrich XLV. Erbprinz Reuß an Ernst Barlach einen Dankesbrief in großer Herzlichkeit und Wertschätzung dieser außerordentlich gelungenen Gesamtgestaltung. Über die Trauernden schrieb er:

"Die Gestalten fügen sich wunderbar an das Kreuz und verbinden die Gräber. Wie sind Ihnen diese Gestalten gelungen in ihrer Körperlichkeit, in ihrer Gebundenheit, in ihrem gefassten und zugleich suchenden Ausdruck. Ich bin ganz ausgefüllt von einer dankbaren Freude über diesen Besitz. Es ist mein herzlicher Wunsch, dass Sie einmal, vielleicht im Frühjahr oder im Sommer, hierher kommen können, um sich selbst zu überzeugen, wie schön alles geworden ist'' (6, S. 92).

Der Güstrower Architekt Adolf Kegebein übernahm für Ernst Barlach die bauseitige Ausführung und Planung der Sockelaufbauten für die Ehrenmale in Magdeburg und Hamburg, für das Grabdenkmal Reuß in Ebersdorf und für das Grabmal Däubler. Adolf Kegebein baute 1930/31 für Barlach auch das Atelierhaus auf dem Heidberg nahe Güstrow, in unmittelbarer Nähe des Böhmer-Hauses. Die Bauarbeiten hatten im Spätsommer 1930 begonnen. Bereits am 20. Februar 1931 gab es den ersten Arbeitstag des Künstlers Barlach im neuen Atelier-Haus.

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Bild: Ernst Barlachs Atelier-Haus am Heidberg (Inselsee) (Nr. 78: 26)

Somit wurden ab Februar 1931 alle weiterhin anstehenden Projekte unter idealen räumlichen Bedingungen in Angriff genommen. Die ersten Werke, die am Heidberg entstanden sind, waren die "Trauernde I'' und die "Trauernde II''.

In diesem Familiengrab Reuß sind die Eltern von Heinrich XLV. sowie seine beiden Brüder Heinrich XI. und Heinrich XLIII. beigesetzt. Heinrich XLV., der sich zu Beginn der dreißiger Jahre dem Nationalsozialismus zugewandt hatte, wurde 1945 von der roten Armee interniert und kam im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald ums Leben. Buchenwald war von den Russen zur Inhaftierung und Verurteilung von deutschen Nazis bis 1950 genutzt worden.