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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Die „Gemeinschaft der Heiligen’’

Carl Georg Heise, der Direktor des Lübecker Museums für Kunst- und Kulturgeschichte, trug sich 1929 mit dem Gedanken, die Fassade der Lübecker Katharinenkirche mit ihren 16 Nischen durch die Aufnahme von überlebensgroßen bildkünstlerisch geschalteten Figuren schmücken zu lassen. Im Oktober desselben Jahres besuchte er den im Norden Deutschlands durch seine Kunstwerke bekannt gewordenen und vielseitig anerkannten Bildhauer Ernst Barlach in Güstrow, um ihn für den Auftrag der Nischengestaltung mit Figuren zum Thema der „Gemeinchaft der Heiligen" zu gewinnen. Nach anfänglichem Zögern bezüglich der großen Herausforderung, das zu schaffende Kunstwerk in Einklang zu bringen mit der mittelalterlichen Architektur der Kirchenfassade, gelang es Carl Georg Heise, Ernst Barlach für diese künstlerische Aufgabe von hohem kulturellen Stellenwert zu gewinnen. Carl Georg Heise begründete das Vorhaben für die Katharinenkirche:

„Die Lübecker Figurenreihe ist, verglichen mit den Lauschenden, stärker der Welt zugewendet, pathetischer... Acht Figuren sind im ganzen vorgesehen: Leidende und Verklärte, jeder auf seine Weise kämpfend mit seinem Gott. Ein Gefesselter ist darunter, der sich gegen die Ketten auflehnt, ein Wüstenprediger, ein Sternseher, eine Frau, die selig ihrer Vision sich hingibt, ein Jüngling singend in mönchischem Gewand. ... nur eine Kirche kann es sein, mit deren altgeweihter Architektur sich solches Werk zu volkstümlich eindringlicher Wirkung verbinden könnte. Wir haben in Lübeck eine gotische Kirche, künstlerisch höchsten Ranges, die heute (1931) keiner religiösen Gemeinschaft mehr unterstellt ist und doch die ganze Würde eines Gotteshauses sich gewahrt hat: Sankt Katharinen, die einstige Klosterkirche der Franziskaner" (1, S. 146).

Aus einem Brief Barlachs an Heinrich XLV. Erbprinz Reuß, der den Künstler aufgefordert hatte, nach Ebersdorf zu kommen wegen aufgetretener Probleme bei den vorbereitenden Arbeiten an der Grabanlage der Fürsten Reuß, ist zu erfahren, dass Ernst Barlach sich für sein Nicht-Kommen nach Ebersdorf aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit entschuldigte. Er bezeichnete sich als erholungsbedürftig und merkte an, dass ihm die Probefigur des Bettlers für die Katharinenkirche sauer genug geworden war. Hier war im Brief ein Indiz für Barlachs Handeln gegeben, sehr schnell eine Probefigur in Angriff zu nehmen. Bereits 1930 gab es den „Bettler" als Werkmodell (1:1) in Ton.

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Bild links: „Der Bettler" , Werkmodell 1: 1, 1930, Ton (Nr. 79: 1, S. 147, 26)

Die Figur des Bettlers, so schnell geschaffen, war Jahre vorher bereits ein Thema, mit dem sich der Künstler beschäftigt hatte. Es betraf die Kohle-Zeichnung „Krückenmann", vermutlich aus dem Jahre 1925.

Bild rechts: „Krückenmann" 1925, Kohle (Nr. 80: 1, S. 145, 26)

Auch gab es 1930 eine Teilstudie in Blei zum Lübecker Bettler, und in demselben Jahr waren bereits die Vormodelle „Der Bettler", „Der Pilger" und „Der Gefesselte" in einem Architekturmodell (1:4) in Gips geschaffen worden. Nach den anfangs vorgesehenen Figuren für 16 Nischen wurden 1931 nur noch 8 geplant, schließlich realisierte Ernst Barlach die drei Figuren „Frau im Wind", „Der Bettler", „Der Sänger" für die „Gemeinschaft der Heiligen".


Foto-Variationen mit Aufnahmen von Helmut Sturm, Lübeck: Die „Gemeinschaft der Heiligen" für die Westfassade der Katharinenkirche in Lübeck, Klinker (25)

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Gründe für die Reduzierung des ursprünglich großen Vorhabens lagen in dem gescheiterten Konzept von Carl Georg Heise in Abstimmung mit Ernst Barlach, wonach Stifter gewonnen werden sollten, die durch den Erhalt eines Zweitgusses einer Figur die Finanzierung tragen sollten. Die sich verschärfende politische Situation führte dazu, dass Stifter nicht mehr gewonnen werden konnten. 1937 wurden die drei Figuren der „Gemeinschaft der Heiligen" von Amts wegen durch eine „Säuberungskommission" beschlagnahmt, zwei Jahre später aber auf Weisung des Propagandaministeriums zurückerstattet, sie waren laut einem Vertrag aus dem Jahre 1930 Privateigentum von Carl Georg Heise. Barlachs drei Figuren überlebten in einem Versteck den Bombenkrieg. 1947, 16 Jahre, nachdem Ernst Barlach sie geschaffen hatte, wurden sie in den Fassadennischen der Katharinenkirche zu Lübeck aufgestellt. Auch gelang es im Sinne des ehemaligen Konzeptes der „Gemeinschaft der Heiligen", weitere sechs Figuren durch den Bildhauer Gerhard Marcks formen zu lassen, die 1949 aufgestellt werden konnten. Zu Barlachs Figuren „Frau im Wind", „Der Bettler", „Der Sänger" kamen nun „Schmerzensmann", „Brandstifter", „Jungfrau", „Mutter mit Kinde", „Kassandra" und „Prophet" hinzu.

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