wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Das Hamburger Ehrenmal

057_small.jpgDie Jahre 1930, 1931, 1932 hielten neben den bereits geschaffenen Kunstwerken weitere große künstlerische Herausforderungen für Ernst Barlach bereit, die all seine geistigen und physischen Kräfte verlangten. Der Senat von Hamburg hatte im Dezember 1929 den Wettbewerb für ein Ehrenmal an der Binnenalster(am Rande des Rathausmarktes) zur Erinnerung an die im I. Weltkrieg Gefallenen ins Leben gerufen. Alle in Hamburg geborenen oder ansässigen Architekten und Bildhauer waren dazu aufgerufen worden. Durch Vermittlung des Hamburger Oberbaudirektors Fritz Schumacher war Ernst Barlach als „Ersatzmann” für einen Kandidaten, der abgesagt hatte, aufgenommen worden. In seiner Arbeit an den Entwurfskonzepten griff Ernst Barlach auf früher formulierte Einfälle zurück und entschied sich für das Motiv „Der Erschütterte”:

Bild: Barlach vor dem Werkmodell 1:2 des Hamburger Ehrenmals, 19301 (Nr. 82: 1, S. 158, 26)

 

Das Preisrichterkollegium hatte die 148 Einsendungen geprüft, aber keinen Vorschlag für einen 1. Preisträger gefunden. Unter den drei 2. Preisträgern und den zwei 3. Preisträgern war Ernst Barlach nicht zu finden trotz verbaler Anerkennung seines Entwurfs „Der Erschütterte”:

„Der beseelte Ausdruck in Miene und Haltung der knienden Gestalt wird der Bestimmung des Denkmals gerecht; doch ist die Verbindung der Figur mit dem Postament nicht befriedigend gelöst und der Gesamtumriss des Aufbaus nicht geeignet für eine günstige Wirkung nach den verschiedenen in Betracht kommenden Seiten” (1, S. 150).

Und dennoch kam der Künstler Barlach zum Zuge. Mit dem Konzept einer Stele von 21 Metern Höhe hatte der Entwurf des Hamburger Architekten Klaus Hoffmann den Zuschlag für die Errichtung des Denkmals erhalten. Klaus Hoffmann hatte beabsichtigt, auf der Vorderseite der Stele eine Inschrift eintragen zu lassen, die Rückseite sollte das Relief einer Flamme tragen. Es war ein Verdienst des Hamburger Oberbaudirektors Fritz Schumacher, den Senat, danach auch den Architekten Hoffmann gewonnen zu haben, dass Ernst Barlach ein Relief für die Rückseite der Stele gestalten könnte. Einen Monat nach der Jury-Entscheidung am 16. Mai 1930 besuchte Fritz Schumacher den Bildhauer Barlach in Güstrow. Er konnte ihn für die Arbeit am Hamburger Denkmal gewinnen, allerdings erst nach anfänglichem Zögern wegen der Enttäuschung mit seinem Entwurf „Der Erschütterte”. Schumacher und Barlach begegneten sich mehrmals zum gemeinsamen Versuch, Ideen der Gestaltung zu entwerfen, auch unter Beachtung von Rückgriffen auf Bisheriges. In der Literatur zum Hamburger Mal sind mehrere Entwürfe für die Gestaltung einer Seite der Stele ausgewiesen. Daraus entwickelte sich die künstlerische Gestaltung des Motivs „eine Mutter, das Kind, ihr zugewandt, umsorgend”:

082_small.jpg

Bild: Stelenentwurf III zum Hamburger Mal, 1930, Kohle (Nr. 83: 1, S. 158, 26)

Schließlich erhielt Fritz Schumacher von Ernst Barlach Blätter zu zwei Entwürfen, darunter war auch jener von einer Mutter mit ihrem Kind, sich gegenseitig umfassend im Trost über das Leid.

1930 schickte der Künstler Barlach die endgültige Fassung des Reliefs als exakt gestaltete Zeichnung nach Hamburg. Am 25. November 1930 wurde in der entscheidenden Ausschuss-Sitzungen Barlachs Entwurf durch Schumacher vorgestellt. Schon im Vorfeld der Beratung und Diskussion hatte es Kritik gegeben. Die Auffassung von Ausschussmitgliedern lautete:

„Das Ehrenmal sollte nicht Trauer zum Ausdruck bringen; die gehöre auf den Friedhof”. Man vermisse „den Ausdruck der großen Leistung in Feld und Heimat.” Auch wurde gesagt, dass „die Mutter hässlich, ostisch, ägyptisch” sei (1, S. 151).

Erstaunlich war, dass es vermittels eines Verhandlungstricks des Bürgermeisters Petersen bei der Abstimmung zu keiner Ablehnung von Barlachs Entwurf kam, so dass schon Ende Januar 1931 das erste kleine Werkmodell vorliegen konnte. Es folgten weitere Arbeiten, zum Beispiel im Maßstab (1 : 4,5) in Holz und schließlich das eigentliche Werkmodell im Maßstab (1 : 2), das Ende Mai fertig gestellt war. So konnte der Hamburger Steinmetz Friedrich Bursch sofort mit den Bildhauerarbeiten beginnen. Am 23. Juli 1931 war das Ehrenmal bis auf die Patinierung der Schrift fertig. Am 2. August 1931 konnten in aller Eile und bei Nacht die Gerüste entfernt werden, und am frühen Morgen des nächsten Tages wurde das Denkmal durch eine Delegation des Senats der nicht anwesenden Öffentlichkeit übergeben. So war jedem eventuellen Protest vorgebeugt worden.

Bilder: Foto-Variationen vom Hamburger Ehrenmal, 1931, Ausführung in Stein (Kirchheimer Muschelkalk) von Friedrich Bursch (Nr. 85: 1, S. 159, 26, 01/01/2009, andere Aufnahmen Nr. 85a, 85b unter 25 erst später) (fehlen noch)

Sieben Jahre später erfuhr die Öffentlichkeit vom Beschluss, das Barlachsche Relief am Ehrenmal zu beseitigen. Den Zeitungsbericht über die angekündigte Maßnahme nahm Barlach noch zur Kenntnis, seine Zerstörung in den Monaten Januar/Februar 1939 musste Ernst Barlach nicht mehr erleben. 1949 ließ der Senat der Stadt Hamburg das Barlach-Relief mit Hilfe eines Abgusses des kleinen Werkmodells wieder herstellen. Thomas Manns Gedanken anlässlich der Fertigstellung im August 1931 fanden 1949 ihre Erfüllung:

„... dass der Stadt Hamburg ein Kriegs-Erinnerungs-Mal bestimmt ist, das sich durch künstlerische Würde und Geistigkeit .... vor vielen Mahnbildern hervortun wird; mit denen robustere und gedankenlosere Hände die deutschen Lande besetzt haben” (1. S. 152).

where to buy kamagra in uk