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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Der „Fries der Lauschenden’’

Anfang November 1930, vier Wochen, bevor Ernst Barlach den Auftrag für das Hamburger Ehrenmal entgegengenommen hatte, folgte er dem Wunsche der Schauspielerin Tilla Durieux, für deren Musiksaal 10 Figuren zu arbeiten. Ihr dritter Ehemann Ludwig Katzenellenbogen hatte als Industrieller einen wesentlichen Teil der Baukosten für das entstehende neue Atelierhaus Barlachs am Inselsee vorgeschossen, und Ernst Barlach hatte sich als Gegenleistung verpflichtet, dem Wunsche der Künstlerin Durieux nachzukommen. Für die Gestaltung der neun Figuren als „Fries der Lauschenden” waren 1926 bereits sieben Figuren für das Barlachsche „Beethoven-Denkmal” gedacht gewesen. Zu einer Ausführung dieses Entwurfes war es jedoch nicht gekommen. Ernst Barlach begann sofort mit den Arbeiten an einzelnen Figuren.

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Bild: „Fries der Lauschenden” (Räumliche Planskizze), 1930, Kohle (Nr. 87: 26)

Ernst Barlachs hoffnungsvolles Vorhaben, sein Lieblingswerk doch noch vollenden zu können, war wenig später plötzlich in Frage gestellt, da der Auftraggeber Ludwig Katzenellenbogen im Frühjahr 1932 auf Grund diverser Wirtschaftsvergehen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, aber auf der Flucht vor seinen Gläubigern Deutschland verlassen hatte. Damit entfiel der Auftrag zur Gestaltung des „Frieses der Lauschenden”. In demselben Jahr wollte es der Zufall, dass Hermann F. Reemtsma, ein angesehener Zigarettenfabrikant aus Hamburg, auf den Bildhauer Barlach aufmerksam geworden war. Im Sommer 1934 fuhr der geschäftlich unterwegs weilende Fabrikant über Güstrow und besuchte den Künstler in seinem Atelier. Hermann F. Reemtsma suchte für die Einrichtung seines neuen Hauses Kunstwerke, da kamen ihm die Holzplastiken Barlachs wie gerufen. Er kaufte sogleich die Plastik „Der Beter”. Während dieser Begegnung mit Barlach entschied sich Hermann F. Reemtsma, dem Künstler einen Auftrag zur Fertigstellung des „Frieses der Lauschenden” anzubieten und das Kunstwerk auch kaufen zu wollen. Noch im Herbst 1934 entstand die vierte Figur „Der Gläubige”. Nachdem die Figuren „Der Wanderer” (1930), „Die Tänzerin” (1931), „Die Träumende” (1931) gestaltet waren, folgten bis zum 4. Juni 1935, dem Termin der Zwischenabnahme des Kunstwerkes durch den Auftraggeber, weitere drei Figuren, darunter „Die Pilgerin”. Im August 1935 waren alle Figuren bis auf die neunte geschaffen worden. Nach längerem Suchen, mit der abschließenden, der neunten Figur den „Fries der Lauschenden” vollenden zu können, entschloss sich Barlach für die Figur „Der Blinde”. Barlach könnte sich für diese Figur entschieden haben, weil es den allgemeinen Erfahrungswert gibt, dass Menschen, die blind sind oder blind geworden sind, in der Ausprägung der Fähigkeiten, ihre Umwelt wahrzunehmen, andere Sinneswahrnehmungen wie das Hören verfeinern können bzw. den Verlust des Sehens durch das bessere Hören kompensieren können. Der Blinde als zentrale Figur, nicht als solche ausgewiesen im „Fries der Lauschenden”, überrascht durch die besondere Fähigkeit des intensiveren und differenzierteren hörenden Wahrnehmens. Der „Fries der Lauschenden” ist ein Hohelied der Schöpferkraft, der Schönheit und tiefster Menschlichkeit, ist der sichtbare Ausdruck des begrenzten Willens zur Gestaltung (aus dem Brief Barlachs an H. Th. Kroeber).

Foto - Variationen vom „Fries der Lauschenden”, 1935, Eichenholz (Nr. 88: 26, Nr. 88a, Nr. 88b unter 25 erst später)

Alle Figuren lauschen der Musik, die Gesichter und Gebärden spiegeln ihre Empfindungen deutlich wider (vgl. 5, „Fries der Lauschenden”, S. 9):

1. „Der Empfindsame” (1935): rafft, wie innerlich fröstelnd, seinen Mantel.
2. „Der Gläubige” (1934): gerät in naives Entzücken und wendet Kopf und Hände staunend nach oben.
3. „Die Erwartende” (1935): nimmt einfach auf, mit der Gebärde des Willkommens.
4. „Der Blinde” (1935): steht lauschend still, die Lider wölben sich sanft über seinen kranken Augen, doch wird er innerlich sehend.
5. „Die Tänzerin” (1931): voll Grazie hebt sie Hände und Füße, ganz der Harmonie und der Schönheit verpflichtet.
6. „Der Wanderer” (1930): verharrt auf seinem Wege.
7. „Die Träumende”(1931): sieht ihre fernen Wünsche näher.
8. „Der Begnadete”(1935): hebt die Hand an die Stirn, erleuchtet vom Klang.
9. „Die Pilgerin”( 1935): ist - zufrieden lächelnd - endlich am Ziel.

Am Totensonntag, dem 24. November 1935 wurde der vollständige „Fries der Lauschenden” an den Auftraggeber Hermann F. Reemtsma in Güstrow übergeben. Mit dem „Fries der Lauschenden” gelang Ernst Barlach ein Kunstwerk in Holz gebannter Musikalität.