wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Leidenszeit im Nationalsozialismus - Teil 1

1906 war Ernst Barlach aus seiner Lebenskrise heraus zu seinem Bruder Hans nach Charkow gereist und hatte dort seinen Stil künstlerischer Gestaltung von bedeutenden Plastiken gefunden, einer Gestaltungsweise, die in späteren Jahren Anlass war zu Kritik und Ablehnung vieler seiner Werke und die Anlass war, nicht Halt zu machen vor seiner Person. Insofern ist es wichtig dokumentiert zu bekommen, was Ernst Barlach als Bildhauer um 1917 bedeutete, und zwar aus dem Munde von Franz Servaes, aufgeschrieben in der Vossischen Zeitung, Nr. 632, Abendausgabe vom 11. Dezember 1917 (6, S. 118):

Einsam in Mecklenburg wohnt, den Fünfzigern nahe, der Holsteiner Ernst Barlach. Man kennt ihn von Ausstellungen her als den Bildschnitzer eigentümlich-schwerer, charaktervoller Holzfiguren. Man vernimmt jetzt auch davon, dass er Dramen geschrieben habe, nicht alltägliche. ...

Wer ist dieser Mann?

... fragt man sich verwundert und wundert sich dann doppelt, dass man ihn nie in Berlin zu sehen bekommt, wo doch die Heimat seines künstlerischen Rufes ist. Aber ich fragte herum, bei Leuten, die mit ihm zu schaffen haben: es kennt ihn niemand. Barlach sitzt da oben wo im Norden, ein halbmythischer Mann...Er ist ein Bildner des Lebens, weil gerade im Leben das tiefste der Mysterien ihm gegenübersteht – ein tieferes, als irgendwelche Phantasie sich auszudenken vermöchte.

Was ist das Seltsame an Barlach?

... dass hier ein Künstler geradezu eine gewisse Massigkeit der Materie braucht, um den verborgenen Seelengehalt herauszustellen. Es sind schwere, dumpfe, tappende, täppische Menschen, die Barlach gestaltet, mecklenburgische und russische Bauernknechte, eng mit der Erde verwachsene, vom Schollengewicht niedergehaltene Wesen von plumper Art, halb Gnomen, noch finsternisträchtig, doch eigentümlich lichthungrig und wie mit dem zweiten Gesicht ausgestaltet, oder eher noch behaftet. Es sind keine 'Individualitäten’, sie alle gleichen einander, es ist immer derselbe dicke, kurzgebaute Mensch, kaum unterschieden selbst nach Mann und Weib. Und dieser Mensch taumelt dahin. Er taumelt und schwankt und liegt schwer am Boden. Starrt wie trunken in die Höhe und erlebt Gespenster. Wird selbst zum Gespenst, das mit Nilpferdschwere dahinschwebt, lastend wie ein Alpdruck. So wirkt in sein erdgebundenes Dasein, wie eine scheue Erleuchtung, ein Element von mittelalterlicher Ekstase. Germanisch-Heidnisches und Orientalisch-Christliches, in seltsamer Durchdrungenheit, halten ihn im Bann. Und er strebt daraus empor. Er sieht irgendwo ein fernes, verheißendes Licht: das Ziel und Ende mühevoller Lebenspilgerfahrt. Dahin wandert er unverdrossen, taumelig-schwer, doch im innersten vertrauend...

Was ist das Geheimnis?

...Geheimnis ist alles, letzte Klarheit wird nicht gegeben. Und doch liest man voll eigener Ergriffenheit und ganz im Banne dieser mit Doppelsinnigkeiten und Hellhörigkeiten gelassen arbeitenden Sprache...

Das Konzept einer Zeittafel für die Jahre 1926 bis 1938, von Wolfgang Tarnowski/Toma Babovic in “Auf den Spuren von Ernst Barlach“ wurde  vom Autor übernommen. Verwendete Texte aus der Quelle 7, S. 92/93 sind durch Kursivschrift gekennzeichnet. Vom Autor gibt es inhaltliche Erweiterungen. Mit den vorliegenden Daten soll versucht werden, Ernst Barlachs Leidensweg als politische Verfolgung und im Zusammenhang damit als Affront gegen den Künstler Barlach, beginnend mit der Kritik am Güstrower  "Dom-Engel“ durch vaterländische Vetreter von Kriegervereinen ab 1927, nachzuzeichnen.

1926:

Es beginnen Barlachs Arbeiten an den Großplastiken für den öffentlichen Raum mit dem Entwurf für ein Beethoven-Denkmal. Noch gibt es keine Anzeichen einer politisch gefärbten Leidenszeit des Bildhauers. Barlachs unermüdlicher Förderer seiner Kunst, Paul Cassirer, ist aus dem Leben geschieden. Ernst Barlach lernt das Bildhauer-Ehepaar Marga und Bernhard Böhmer als gute Freunde und Kollegen kennen. Selbst eine Trennung der Ehepartner Böhmer und eine beginnende Freundschaft zwischen Marga Böhmer und Ernst Barlach können die Künstlergemeinschaft der drei Bildhauer nicht trüben. Bernhard Böhmer hat ähnlich dem Wirken von Paul Cassirer die Geschäftsführung für Ernst Barlach übernommen. Die Nichtberücksichtigung des Barlachschen Entwurfs für ein Beethoven-Denkmal in Berlin hat keinen politischen Hintergrund. Alle eingereichten Entwürfe der Bildhauer entsprechen nicht den Vorstellungen der Jury im Sinne der Angemessenheit, dem Anliegen gegenüber. Ernst Barlach kann in diesem Jahr durch Ausstellungen seiner Werke auf sich aufmerksam machen. Im Februar öffnet im Kunstsalon Paul Cassirer – ein Monat nach dessen Tod - eine große Retrospektive von Barlachs Holzskulpturen, insgesamt 39 Plastiken, ihre Pforten. Ernst Barlach bekommt einen eigenen Raum innerhalb der Internationalen Kunstausstellung in Dresden, gestaltet von Heinrich Tessenow.

1927:

Nicht so friedlich verlaufen die Geschehnisse um die Aufhängung von Barlachs Güstrower "Dom-Engel". Es gibt Fürsprecher, vor allem aus der deutschen Kunstöffentlichkeit, die dieses Ehrenmal loben und würdigen, aber vor allem die Vertreter von Kriegervereinen vermissen im Güstrower Ehrenmal die Widerspiegelung des Vaterländischen, des Heroischen. Nach der Einweihung des Güstrower Ehrenmals reist der Künstler Barlach nach Bad Kissingen, um sich gesundheitlich zu stabilisieren, neue Kräfte zu sammeln. Hier beginnt er die Arbeiten an seiner Autobiographie "Ein selbsterzähltes Leben".

1928:

Anfang Oktober erscheint Ernst Barlachs Autobiographie im Verlag Reinhard Piper, München. Am 29. November wird die Bronzegruppe "Der Geistkämpfer" vor der Universitätskirche in der Altstadt von Kiel aufgestellt. Das geschieht zum Missvergnügen vieler Bürger dieser Stadt. Das Kunstwerk sei zu individuell, zu unpathetisch. Ernst Barlach äußert sich gegenüber seinem Bruder Hans, dass die Aufnahme des Werkes frostig und ablehnend sei. Zum Jahreswechsel 1928/29 scheitern Barlachs Pläne für ein Ehrenmal in Malchin. Der "Stahlhelm" hat Einspruch erhoben. Ernst Barlach wird in diesem Zusammenhang als Jude verdächtigt.

1929:

Am 24. November wird das Ehrenmal im Magdeburger Dom enthüllt. Bereits bei der Einweihung gibt es eine frostige, feindliche Atmosphäre, die meisten Betrachter finden es zu kritisch, zu pessimistisch, zu trostlos, vermisst wird das Heldische. Proteste kommen aus den Reihen des Stahlhelm-Bundes, des Nationalverbandes deutscher Offiziere und von der Deutschnationalen Volkspartei. Nach dem Verlust des schon sicher geglaubten Auftrags für Malchin hält Ernst Barlach es für erforderlich, unter der Überschrift "Wider den Ungeist" seine persönliche Auffassung zur Gestaltung von Ehrenmalen für Gefallene als Bekenntnis darzustellen:

Wollt ihr die Toten ehren, so lasst sie in ihrem Bereich der Ruhe. Spickt nicht die Tragik ihres Schicksals mit fetter Pietät, gebt zu, dass sie waren, aber nicht sind, indem ihr das Andenken vom Zweckschwall säubert, und gönnt ihnen die Vollendung, deren sie teilhaftig wurden durch Letztgültigkeit, durch Eingehen ins Unwiederbringliche ... Das Lange und Breite von dem Allen ist, dass ihr Siegesdenkmäler haben wollt hinten herum, wenn es von vorn und ohne Umschweife nicht angeht, also Eitelkeitsbefriedigung, da ja die Toten nichts davon haben, bei dem sich selbst einsetzenden Erben ihrer Taten (7, S. 62).

Am 28. November wird im Reußschen Theater Gera Ernst Barlachs Drama "Die gute Zeit" aufgeführt. Ernst Barlach gestaltet erste Entwürfe als Kohle-Zeichnungen für ein Grabmal des Fürstentums Reuß in Ebersdorf, Thüringen.

1930:

Zu Beginn dieses Jahres begeht Ernst Barlach seinen 60. Geburtstag. Museen, Kunstvereine, Galerien, Künstlerverbände planen Jubiläumsveranstaltungen zur Ehrung des Bildhauers Ernst Barlach:

5. Januar: große Jubiläumsausstellung in der Kieler Kunsthalle,

8. Januar: Eröffnung der Barlach-Jubiläums-Ausstellung der Preußischen Akademie der Künste,

14. Juli: Der Galerist Alfred Flechtheim schließt mit Ernst Barlach einen Vertrag über den Guss von 16 Bronzen bei der Gießerei Hermann Noack, Berlin-Friedenau. Im Anschluss gibt es eine Ausstellung der Bronzefiguren in Berlin (Galerie Flechtheim), in Düsseldorf und in Essen (Folkwang).

Ende Juli: Fertigstellung der ersten Figur für die Gruppe an der Westfassade der Katharinenkirche in Lübeck.

19. August: Vertragsabschluss für die Figuren in Lübeck als "Gemeinschaft der Heiligen" zwischen dem Künstler Barlach und dem Museumsdirektor Carl Georg Heise.

Seit dem Spätsommer entsteht neben dem Böhmer-Haus Barlachs neues Atelierhaus am Heidberg (Inselsee).

Anfang November ergeht der Auftrag des Industriellen und des Ehemanns von Tilla Durieux Ludwig Katzenellenbogen an Ernst Barlach zur Gestaltung der Figurengruppe "Fries der Lauschenden" für deren Musiksalon.

November: Als Museumsdirektor Heise aus Lübeck Barlachs "Bettler" in der Öffentlichkeit ausstellt, bricht ein Sturm der Entrüstung los. Als Kampagne der "Lübecker Anzeigen" werden mehr als 700 Unterschriften für eine Protestaktion an den Senat und den Denkmalsrat der Stadt Lübeck geschickt, allerdings und Gott sei Dank ohne Ergebnis. Andererseits sieht sich Carl Georg Heise veranlasst, die fertigen Barlachfiguren vorerst nicht in den geplanten Nischen aufzustellen, sondern im Hohen Chor der Katharinenkirche.

3. Dezember: Der Hamburger Senat erteilt an Ernst Barlach den Auftrag für die Mitarbeit an einem Ehrenmal in Hamburg, gedacht als Relief auf der Rückseite der an der Binnenalster zu errichtenden Stele.

1931:

20. Februar: Barlachs erster Arbeitstag im neuen Atelierhaus. Ernst Barlach zieht nach Fertigstellung des Atelierhauses nicht in die dort befindliche Wohnung des Künstlers, sondern zu Marga Böhmer in ihr Haus nebenan. Bernhard Böhmer übernimmt dafür die Wohnung im Atelierhaus, nachdem er wieder geheiratet hatte, Hella Otte, die Tochter eines Fabrikanten.

November: Fertigstellung der zweiten Figur "Der Sänger" aus der "Gemeinschaft der Heiligen".

Weitere Ehrungen des Künstlers: Barlach wird Ehrenmitglied des Vereins deutscher Buchkünstler. Es erfolgen Ausstellungen seiner Werke im Hamburger Kunstverein und in der Kestner-Gesellschaft in Hannover. Fünf Bronzen gehen in die Ausstellung "Moderne deutsche Malerei und Skulptur’’ im Museum of Modern Art in New York.

3. August: Nach Abbau der Gerüste für die Stele während der Nachtstunden (aus Furcht vor Protesten) wurde das Hamburger Ehrenmal von einer kleinen Delegation des Hamburger Senats eingeweiht. Solcherlei Vorkehrungen hielten die Offiziellen der Stadt Hamburg für angebracht, da es im Vorfeld der Arbeiten am Barlachschen Relief "Mutter mit Kind" erhebliche Kritik gegeben hatte.

Oktober: Die Grabanlage Reuß in Ebersdorf (Thüringen) ist fertiggestellt. Die Arbeiten am Grabmal wurden zu keinem Zeitpunkt durch Proteste oder andere Arten von Schmähungen gestört. Das mag auch daran gelegen haben, dass sich das Grab im Schlosspark Ebersdorf mit Schloss, Orangerie, großenWiesenflächen, Waldbereichen und zwei Seen befand. Da bereits 1930 im Weimarer Museum sechs Lithographien von Ernst Barlach ausgesondert worden waren, versucht Heinrich XLV. Prinz Reuß die Urheberschaft des Grabmals zu verheimlichen. Als Folge nennt die örtliche Presse bei der Überführung der Särge der Fürstenfamilie in die neue Grabanlage den Geraer Architekten und Bauhausschüler Thilo Schoder als den Schöpfer dieser Anlage.

Dezember: Ernst Barlach kann nach sehr erfolgreichem Wirken als Bildhauer glücklich auf die zurückliegenden Jahre blicken, getrübt allerdings durch die zunehmenden Angriffe und Intrigen gegen seine Werke und gegen ihn. All das hat seine seit längerem angeschlagene Gesundheit belastet. So schreibt er an seinen Bruder Hans ausgangs des Jahres: "Die lästigen Erscheinungen, von denen Du schreibst, sind die Zutaten unserer Jahre, ich kenne das seit 1925 und habe täglich mit Schwindel, Blutandrang, dickem Kopf usw. zu tun. Kein Tag ohne, und dabei das tausendfache Drum und Dran - wir müssen beide unsere Kräfte über Gebühr anspornen, statt ein bisschen leichter hat man es viel schwerer als früher, die Sorgen, muss ich sagen, wachsen, es haben sich noch unbezahlte hohe Baukosten erwiesen, die zu erhoffenden Zahlungen in Konsequenz von Verträgen stocken, aber damit muss ich sehen, fertig zu werden" (7, S. 654).

1932: 

18. März: Der Ehemann von Tilla Durieux Ludwig Katzenellenbogen wird wegen diverser Wirtschaftsvergehen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Damit entfällt der Auftrag zum "Fries der Lauschenden" für den Musiksalon von Tilla Durieux.

31. Juli: Bei den Reichstagswahlen wird die NSDAP mit 230 Mandaten stärkste Fraktion. Ende Oktober: Ernst Barlach reicht vier verschiedene Entwürfe für ein Ehrenmal in Stralsund ein, darunter die Pietà.