wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Friedrichroda (1894-1897)

Bild links: Kur-und Tourismus GmbH Friedrichroda, Tourist-Information, Marktstraße 13/15, 99894 Friedrichroda, Te.: 03623/33200 (25)
Bild rechts: Großer Inselsberg am Rennsteig im Thüringer Wald, 916 m hoch  (26, Thüring 29, Schöning-Verlag)

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Die Inselsbergregion – das Wanderparadies des Thüringer Waldes

Der Rennsteig war auch im 19. Jahrhundert auf weite Strecken die amtliche Grenze zwischen mitteldeutschen Kleinstaaten (Hessen und Thüringen). Das Gebiet nördlich des Kammweges zwischen Inselsberg und Oberhof gehörte zum Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha (1826). Das südlich gelegene Territorium des späteren Kreises Herrschaft Schmalkalden war eine Exklave des Kurfürstentums Hessen-Kassel (seit 1803), das in Folge des Krieges von 1866 preußisch wurde. Die Schnittpunkte der schmalkaldischen Grenze mit Hauptverkehrsstraßen markierte man mit dem preußischen Adler, der als “Grenzadler“ in den Sprachgebrauch einging.

Bild links: Wegmarkierung R für Rennsteig (25)
Bild mitte: Rennsteig, Blick in Richtung Neuberghaus (25)
Bild rechts: Wegweiser nach Friedrichroda (25)

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Bild links: Blick auf Friedrichroda mit den Kirchen und dem Berghotel (Postkarte Fri 034)
Bild rechts: Das kühle Tal (6a, S. 25)

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Ein Wanderweg im Kühlen Tal führt hinauf zum Heuberghaus am Rennsteig. Ernst Barlachs Leben war im wesentlichen seit seiner Geburt mit dem Norden Deutschlands verknüpft. In Wedel geboren, in Ratzeburg und in Schönberg i. Mecklenburg zur Schule gegangen, wohnte Ernst Barlach seit 1910 gemeinsam mit seiner Mutter bis zu ihrem Tode 1920 und darüber hinaus in der mecklenburgischen Stadt Güstrow. In einer Rostocker Klinik 1938 gestorben, wurde er – seinem Wunsche entsprechend – in Ratzeburg beerdigt. Im Gegensatz zu anderen Regionen Deutschlands gab es aber auch Kontakte Ernst Barlachs zu Sachsen (Dresden), zu Sachsen-Anhalt (Magdeburg) und zu Thüringen (Friedrichroda, Ebersdorf). Die Begegnungen mit Friedrichroda fanden seit 1894 statt, sie dienten in erster Linie kürzeren, auch längeren Besuchs-Aufenthalten bei seiner Mutter, die 1893 nach Friedrichroda gezogen war. Während seines Studiums in Dresden, das von 1891 bis 1995 dauerte, kam er Anfang 1894 zum ersten Mal und bis zu seinem Studienabschluss (Frühjahr 1895) des öfteren in die thüringische Stadt. Ab April 1895 bis Mai 1896 und von März bis Juli 1897 weilte Ernst Barlach mit seinem Studienkollegen Karl Garbers zu Studienzwecken an der Akademie Julian in Paris. Die Zeit zwischen seinen beiden Paris-Aufenthalten und das zweite Halbjahr 1897 verbrachte Ernst Barlach wiederum in Friedrichroda. Anhand des Stadtplanes von Friedrichroda ist das Haus, in dem Barlachs Mutter wohnte, leicht zu finden:

Ernst Barlach war ab 1894 immer mal wieder zu Besuch bei seiner Mutter in Friedrichroda (25, 07/2008) 

1. Bild von links: Stadtplan Friedrichroda, Broschüre "Thüringer Wald". Die Inselsbergregion am Rennsteig: Friedrichroda, Tabarz, Finsterbergen:, S. 32, (26, 6b)
2. Bild von links: Straßenschild: eingangs der Alexandrienstraße 26 (25)
3. Bild von links: Blick von links auf das Haus Nr. 26 (25)
4. Bild von links
Blick von rechts auf das Haus Nr. 26 (25)

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Bild links: Frontansicht des Hauses Nr. 26 mit Ehrentafel (25)
Bild rechts: Erinnerungstafel zu Ernst Barlachs Aufenthalt in diesem Haus Nr. 26 (25)

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Der von 1894 bis 1897 mit Unterbrechungen gestaltete Aufenthalt Ernst Barlachs in Friedrichroda bedeutete Wandern und Zeichnen.

Der Besuch der Allgemeinen Gewerbeschule in Hamburg und der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Dresden veranlasste Ernst Barlach, sich vor allem dem Studium des Zeichnens zu widmen. Obwohl seine künstlerischen Verdienste vor allem in der Bildhauerei zu sehen sind, bildete das Zeichnen einen wichtigen Schwerpunkt und den eigentlichen Ausgangspunkt für seine erfolgreiche Tätigkeit in der Formung von Plastiken. Generell kann gesagt werden, dass die in seinen Taschenbüchern bzw. Skizzenheften festgehaltenen Zeichnungen einen umfangreichen Fundus darstellten zur künstlerischen Wahrnehmung des Lebens und Arbeitens von Menschen in ihrem Alltag. Einen ersten Erfolg konnte Ernst Barlach verzeichnen, als er während seines Studiums in Dresden als Abschlussarbeit (bereits ein Jahr zuvor) die .Krautpflückerln" (Rübensammlerin) in Bronze gestaltet hatte. Dazu schreibt er in seinem .selbsterzählten Leben":

Mit der Gestaltung einer niedergebogenen Krautpflückerin / die ich in Friedrichroda, wo nun meine Mutter wohnte, gesehen, beschloss ich die Studien (2, S. 45).

Bild: Krautpflückerin (Rübensammlerin) (26)

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Ernst Barlach suchte seine Motive für das Zeichnen nicht bei den großen Meistern in Museen und in Galerien, sondern beim Wandern in der Natur, auf Spaziergängen, auf den Straßen und Plätzen von Dörfern und Städten. Dabei machte er die grundlegende Erfahrung für sein zukünftiges Wirken als bildender Künstler: 

In Dresden und Paris habe ich unablässig gezeichnet, ich war jemand, der wahllos seine Flinte abschießt; ich wusste schließlich all die Dinge auswendig. Da sah ich, als ich in Friedrichroda einen Jäger zeichnete, plötzlich die einfache Form, Wo ich früher zehn Linien gebraucht hätte, brauchte ich plötzlich nur drei (Friedrich Schult: Barlach im Gespräch, Leipzig, S. 7). 

In der Ernst Barlach Stiftung Güstrow befinden sich 15 Skizzenhefte zu Zeichnungen unterschiedIlcher Gestaltungsweise.

Ausgewählte Beispiele:

Bild: Skizzenheft 27 (Herbst 96, Friedrichroda), 1896, Doppelseite, Bleistift, Kohle ( 6, S. 23)

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Die Abbildungen im Skizzenheft 27 zeigen Landschaften, gezeichnet, mit Kohle in dunkle Töne gebracht, den Wald, die Wege, das Bergige deutlich hervorhebend.

Bild: Skizzenheft 23 (Sommer 96. Friedrichroda), 1896, Doppelseite, Bleistift, Tusche, Aquarell ( 6, S. 29)

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Zwei Bilder auf einer Doppelseite zeigen den Sommer an Plätzen im Freien unter Bäumen, sehr ausdrucksstark vermittels Tusche und Aquarell 

Bild links: Skizzenheft 37 {Friedrichroda. Lindewiese. September 1897),1897, Titelseite und Doppelseiten, Bleistift, Tusche ( 6, S. 33)
Bild rechts: Skizzenheft 36 (Friedrichroda, August 97), 1897, Doppelseiten, Bleistift ( 6, S.40)

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Auf den Abbildungen in den zwei Skizzenheften 37 und 36 sind Figuren in verschiedenen Bewegungen zu sehen. Details kennzeichnen bestimmte Situationen: Ein Mann mit Kinn und linkem Arm eine Geige zum Spielen bereit haltend; ein Mädchen mit hinter dem Kopf zusammengefasstem Haar, mit schwingendem Rock und schwarzen langen Strümpfen, einer älteren männlichen Person folgendend. Auf einer Doppelseite im Skizzenheft 35 werden Bewegungsstudien vorgestellt: dreimal nach vorn gebeugt, jeweils eine weibliche Person, verschieden groß, mit langem Rock. 

Ernst Barlach verglich das Studium in Dresden mit seinen Aufenthalten in Friedrichroda. Diesbezüglich äußerte sich der 24jährige Student in Briefen an seinen Freund Friedrich Düsel. Zu Dresden sprach er von "nicht erheiternd," sich "krank fühlend" von den Anstrengungen des Tages" Die Abwesenheit vom Studienort. die Reisen nach Friedrichroda seit Anfang des Jahres 1894 bezeichnete er als "zu Hause" sein, hier erleichtert zu sein durch ''Essen, Trinken, Schlafen und Herumkriechen auf den Bergen" (Ernst Barlach an Friedrich Düsel, 11.2.1894, Briefe I, S. 205f.).

Obwohl Ernst Barlach die Besuche bei seiner Mutter im Thüringer Wald als Phasen der Ruhe und Erholung genoss und vergleichsweise zum hektischen Leben in Dresden und Paris in dieser Landschaft ''abbaden konnte in Tannengrün und auf Waldwiesen", sah er seine Aufenthalte in Friedrichroda vor allem in bezug auf sein Künstlerisches Wirken auch sehr kritisch: 

In Friedrichroda noch fiel inmitten des pastoralen Ablaufs der Jahreszeiten Verzweiflung mich an, Marterung aus Unlust an mir selbst und immer neues Gericht halten und Verworfen werden, wovon ich gut tue, Einzelheiten zu verschweigen ... es gab Bruch mit Behagen, und Vertrauen ins Sein war ein fragwürdiges Ding, das sich bequemen musste, zu kuschen (2, S. 52 f.). 

Für Ablenkung von seinen Sorgen wirkte gewiss seine stete Leidenschaft zu wandern. Das könnte ein Grund gewesen sein, warum Ernst Barlach nach Unterbrechungen (Studium bis 1895, Paris -Aufenthalte 1895/96, 1897 für drei Monate) immer wieder in der Alexandrinenstraße 26 bei seiner Mutter angeklopft hatte. Landschaftlich war Friedrichroda einschließlich seiner Umgebung im Norden des Thüringer Waldes sehr eindrucksvoll. Die Kleinstadt Friedrichroda mit etwa 5300 Einwohnern (um 1937) liegt 23 km von Gotha entfernt am Fuße der Thüringer Berge, nur wenige Kilometer vom Rennsteig entfernt, einem Kammweg, der in der Nähe von Eisenach beginnt und sich über168 km bis Blankenstein auf einer Höhe von etwa 700 m hinzieht, umgeben von einzelnen Bergen in der Nähe von Tabarz und Friedrichroda, wie dem Großen Inselsberg mit 916 rn, die höchste Erhebung des Thüringer Waldes, wie dem Tannenkopf mit 621 m Höhe, wie dem Regenberg mit 727 m Höhe, dem Brandkopf mit 628 m sowie dem Spießberg mit 749 m Höhe.

Der Rennsteig grenzte nicht nur verschiedene Herrschaftsbereiche voneinander ab, sondern stellte auch eine sprachliche Grenze dar. Nördlich des Rennsteigs sprach und spricht man thüringischen Dialekt, südlich, in Richtung Bayern/Franken wurde und wird die fränkische Mundart gepflegt. In der Begegnung Ernst Barlachs mit den Menschen dieser Region kam nun noch sein norddeutsches Platt dazu. Welch ein reizvoller Kontrast. 

Auf der Straße von Friedrichroda nach dem Kurort Pappenheim gelangt man auf dem Rennsteig zur "Ausspanne Heuberghaus". Hier kehrte Ernst Barlach auf seinen Wanderungen ein, so wie es auch Martin Andersen Nexö getan hatte. Das Heuberghaus wurde bereits im Jahre 1559 als Wirtshaus erwähnt 1969 wurde anstelle des alten Hauses ein neues Ausflugsziel "Heuberghaus" erbaut. Wenige Kilometer vom Heuberghaus in Richtung Osten gelangen Wanderer zum Spießberghaus und ebenso in west-nördlicher Richtung vom Heuberghaus zum Berggasthof "Tanzbuche".

Bild: Heuberghaus aus dem Jahre 1908 (6a, S. 26)

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Das Heuberghaus entstand mit dem Bau der Straße 1838 und diente zur Einnahme des "Wegezolls". Ein Pächter erhielt hier eine Ausschankgenehmigung. Es ist auf einer Speisekarte im Heuberghaus notiert, dass Ernst Barlach auf seinen Wanderungen hier Station gemacht hatte.

Bild links und mitte: Heuberghaus am Rennsteig (25)
Bild rechts: Spießberghaus, Hotel und Berggasthof, am Rennsteig (25)

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Bild links und mitte: Tanzbuche, Hotel und Berggasthof am Rennsteig (25)
Bild rechts: Blick auf die Allee eingangs des Ortes Tabarz (25)

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Auf der Wanderung mit seiner Mutter nach Tabarz und zurück, insgesamt etwa 7 km, kann möglicherweise Ernst Barlach diese früher nicht ausgebaute Straße genutzt haben.

Bild: Marienglashöhle (S. 31)

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Richtung Tabarz verläuft auf halber Strecke der Weg an der Marienglashöhle vorbei, die ersten urkundlichen Belege sind ab 1538 datiert. 1778 wurde diese Kristallgrotte entdeckt. Die abgebauten Gipskristalle wurden damals zur Verzierung von Marienbildern verwendet. So entstand der Name Marienglas. 1903 wurde der Bergbau eingestellt. In der Kristallgrotte sind Gipskristalle bis zu einer Länge von 90 Zentimetern zu sehen. 

Ernst Barlach fand in Friedrichroda den Zugang zum Schreiben von Prosa-Literatur. 

Ernst Barlachs mehrmalige Aufenthalte im thüringischen Friedrichroda fanden ihren Niederschlag künstlerischen Schaffens nicht nur im Zeichnen. In Friedrichroda der Jahre 1896 und 1897 fand er Zugang zum Schreiben von Prosa-Literatur. In seiner Erzählung "Spaziergang nach Tabarz", Friedrichroda 1896/97 (vgl.: 6, S.22f.) erprobt sich Ernst Barlach erfolgreich in einer betont bilderreichen Sprache. Hier schildert er die Begegnung mit dem Wald, mit den Tannenkindern. Er spricht von den "Zwillingsstangen". "Wie sie wohl untereinander flüstern und klatschen, was sie wohl der einsamen Eiche allerlei unterschieben" (6, S. 22). Es ist ein "Waldschwärmen", Im Wirtshaus von Tabarz gibt es einen Tisch in der Ecke, "an dem fühlen wir uns gleich behaglich, weil er auf einem Beine hinkt wie unser Esstisch zu Hause." (ebenda). Gäste werden beschrieben, die in die Gaststube gekommen sind. Es sind Fuhrleute vom Berge mit "sturmgewohnten Gliedmaßen, schwer hängen Beine und Arme am Körper, der Stuhl ächzt, wenn sie sich setzen" (ebenda). Die anderen Gäste, "die sehen sie kaum, denn ihre Augen haben noch die großen Gebirgslinien in sich..." (6, S. 23). "Ihr Geist scheint zu schlafen. Was sind ihnen Zeitungen, die da herumliegen, die hübsche Wirtstochter, die da sitzt und am Fenster handarbeitet ..., sie sehens nicht, sie haben noch das Riesenhafte des Gebirges, die unerschütterliche Ruhe der Berge in Sinn und Gliedern" (ebenda) ... "Es gibt also Leute, die fürs Große, und solche, die fürs Kleine passen, nur sind sicher nicht immer die Schlausten und Witzigsten von der ersten Sorte" (ebenda).

Bild: Skizzenbuch  Friedrichroda, 1894, Einzelblatt, Tusche über Bleistift, mit violetter Tusche laviert (6, S. 19) 

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Eine Frau im Vordergrund, ein Mann mit einer Sense im Hintergrund, beide bei der Ernte auf einem Feld, im Hintergrund bewaldete Hügel, eindrucksvoll gestaltet durch eine leichte Farbgebung mit violetter Tusche laviert. 

Es folgen zwei komplett gestaltete Texte aus dieser Zeit in Friedrichroda:


"Es grimmelt und wimmelt auf den Feldern, denn es ist Herbstsonnenschein, - wahrhaftiger Sonnenschein! Hat man je sowas schon gesehen: nicht ein Flecken Sonne, nein, versteht mich nur recht, eine ganze, große löcherlose, wärmende, erheiternde Sonnenscheindecke lag über der Flur. Wenn ihr je sowas gesehen, so ist es ganz gewiß sehr lange her. selbst der kleine Bach, der durch die Wiesen trödelt, war so blau, als ob der Himmel hineingestiegen wäre! Und die Rechen stelzten über die Felder, die Ochsen stampften und neigten die Stirnen gegen die Joche, die ältesten Männer erinnerten sich nicht, so gutes Erntewetter gehabt zu haben, und die kleinen Mädchen, die beieinanderstanden und flink das Heu zu Bergen türmten oder zu Vierecken ausbreiteten oder Gänge hindurchharkten, hatten knapp noch so viel Zeit, an Hans oder Christian oder Johann zu denken.
Und das ist das äußerste Maß.
Daß die Arbeit so dick kommt, daß sie Johann oder Christian darüber vergessen könnten, das ist nicht möglich. Wenn man scharfe Augen hat und zusieht, wie eifrig sich die Arme strecken und beugen, wie anmutig und lebhaft die Zöpfe fliegen, wie die Schürze die hübschen Falten bald um die Röcke legt, bald vom Knie hinaus gestoßen wird und flattert, wie der Rocksaum hinten aufderWade des Beins liegt und vorn auf den Boden stößt, dann sieht man immer mit seinen scharfen Blicken zum Erstaunen, daß das Alles nur Theater ist und daß alle diese Dinge, diese Schürzen, diese Zöpfe, die Säume, diese Arme eigentlich ganz was Anderes vorhaben. 
Es ist wahrlich erstaunlich, was für Dinge unter all diesen sauber gekämmten, glatten Haaren geboren werden, was für Pläne, was für Absichten und vor allem: was für Wünsche!" 

Bild: Baumreihe am Abend, 1897 Bleistift (6, S. 31)

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"Man kann wohl sagen, das Städtchen ist nicht schlecht gestellt, gemütlich, wie es sich in den Talwinkel hineinverkriecht, müde und wärmegierig an diesem kalten Regenabend im März, und die Talecke sieht ganz so aus, daß es sich da warm und behaglich ruhen läßt. Die ewig schlafenden Beester, die Berge, die da herumliegen und sich das ganze Jahr nicht rühren, haben noch ihre winterwarmen Tannenpelze, die halten warm, und wem sie erlauben, sich mit heranzudrängeln, der hat ein warmes, molliges, behagliches Lager. Und der Wind zerrt eine prallgeschwollene Bettdecke heran, eine Wolke, die ziehen sich die Berge über die Pelze dazu, und dann soll nur über der Wolke vorgehen, was mag! Wir drunten wollen diese Nacht im sanften Talbett und erwärmt von den Tannenpelzen der Berge ruhig schlafen und träumen. Wir sind müde und verfroren von den vielen Hagelwettern des Tags, und von dem Sturm am Vormittage liegts uns noch wie Eis in den Gliedern. Den Bergen hat er manches Haar ausgerissen! Die Wolke hat sich über uns gedeckt, sie ist nicht ganz kunstgerecht geschnitten und auch nicht mehr ganz hell, einige große Löcher hat sie, da scheint der fahle Schein des westlichen Himmels gelb hinein, und mehrere ungeheure Lappen hängen von dem Rücken der Berge zerrissen nieder und haben sich aufs Land niedergeklappt. Wenn Gotha sich nach der Decke zu strecken wüßte, es könnte auch noch mit unterkriechen. Allerdings ist die Wolke an den Rändern schon recht fadenscheinig, und wenn Gotha sich nicht sehr vorsichtig mit seinen zwei Schlosstürmen zu gebärden weiß, kann es leicht einen großen Riß in die Decke machen."

Zu nennen sind noch: 

Bilder: Skizzenheft 23 (Sommer 96, Friedrichroda), 1896, Titelseite, Bleistift, Tusche - Skizzenheft 22 (Sommer 96, Friedrichroda), 1896, Titelseite. Bleistift, Tusche (6, S. 28)

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Bilder: Skizzenheft 26 (Ab Herbst 96, Friedrichroda) 1896, Titelseite und Doppelaeite, Bleistift (6, S. 42)

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Was hatte den jungen Bildhauer-Studenten Barlach wohl bewogen, von Anfang 1894 bis Ende 1897, zwar mit Unterbrechungen, immer wieder nach Friedrichroda zu reisen? Ein Anlass wird Friedrichroda als neuer Wohnort seiner Mutter gewesen sein. Louise Barlach, die zeitweilig ihrem Sohn Ernst in Dresden den Haushalt geführt hatte, verließ 1893 Dresden, um ihrem Sohn Nikolaus nach Friedrichroda zu folgen, der hier eine GutsinspektorsteIle angeboten bekommen hatte. 

Darüber hinaus war die Kleinstadt Friedrichroda mit ihrer wunderschönen und erholsamen Umgebung für Ernst Barlach ein vorzüglicher Ort, Kraft und Anregungen zum künstlerischen Schaffen durch Wanderungen zu finden. Der Thuringer Wald, vom Großen Inselsberg nahe Tabarz den Rennsteig entlang, hinunter in die Täler und Ortschaften, wie Finsterbergen oder Brotterode, boten ideale Möglichkeiten der Erholung, Besinnung, der Beobachtung von Mensch und Natur als Grundlage schöpferischen Tuns. Solange Ernst Barlach als Student in Dresden lebte, gab es durch Zugverbindungen sehr gute Möglichkeiten, vom Studienort Dresden nach Gotha und von dort auf einer Nebenlinie über Fröttstädt, Reinhardsbrunn nach Friedrichroda zu reisen. Am 2. Juli 1876 wurde die Eisenbahn als Lokomotivbahn bis nach Friedrichroda eröffnet. 

Bild links: Altes, nicht mehr genutztes Bahnhofsgebäude Reinhardsbrunn (25)
Bild rechts: Alter Bahnhof Reinhardsbrunn (6a, S. 39)

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Noch in den 1870er Jahren wurden Straßenbahnen in Gotha und um Friedrichroda als Pferdebahnen geplant. 

Die Anreise nach Friedrichroda war bis 1876 beschwerlich. In Gotha schuf man die Verbindung vom Bahnhof in die Stadtmitte, bei Friedrichroda von Fröttstädt nach Waltershausen. Weiter ging es damals mit einem Lohnfuhrwerk nach Friedrichroda. Schließlich wurde die Strecke 1876 als Lokomotivbahn nach Friedrichroda eröffnet. Das trug wesentlich zum Aufschwung des Fremdenverkehrs in dieser Kurstadt bei. Am 24. Mai 1893 beschloss die Stadt Gotha den Bau einer elektrischen Straßenbahn in der Stadt. Bereits 1894 hatte die Stadt Gotha mit seinem Schloss Friedenstein für die Bürger und Gäste der Stadt ein angenehmes Verkehrsmittel parat. 1897 wurde zwischen der Landesregierung und der Gothaer Straßenbahn eine Vereinbarung zum Bau einer Überlandbahn geschlossen. Es dauerte allerdings 39 Jahre (bis 1929), dass Gotha -noch zu Lebzeiten Ernst Barlachs -in der Thüringerwaldbahn die Einmaligkeit der Fortbewegung von Menschen und Gepäck vermittels der Straßenbahn über Land besaß. Die "Thürlnqerwaldbahn" fuhr vom Hauptbahnhof Gotha durchs Stadtzentrum in Richtung Thüringer Wald mit Stationen wie Gotha­; Schöne Aussicht, Gleisdreieck, Reinhardsbrunn, Friedrichroda, Marienglashöhle nach Tabarz, und das geschah auf einer Strecke von mehr als 20 km und heutzutage mit einer Fahrzeit von insgesamt 55 Minuten. 

Bild links: "Thüringerwaldbahn": Vier Straßenbahn-Typen auf Fahrt, eine Straßenbahn auf der Fahrt durch die Thüringer Landschaft, im Hintergrund der Große Inselsberg  (Nr. Thü 020)
Bild mitte: Station Reinhardsbrunn der Thüringerwaldbahn (25)
Bild rechts: Einfahrt der Straßenbahn in die Station Reinhardsbrunn zur Weiterfahrt nach Gotha (25)

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Ein kurzer Blick auf die historische Entwicklung der Stadt Friedrichroda macht deutlich, wie sie sich zur Zeit des Aufenthaltes von Ernst Barlach präsentiert hat. Die Entwicklung des Kur-Wesens in der Stadt Friedrichroda verlangte Ende des 19. Jahrhunderts eine Neugestaltung der Infrastruktur dieser Stadt. 

Aus "Reinhardsbrunner Echo", Sonderausgabe der Stadt Frledrlchroda: 

                   1597                   400 Jahre                   1997
 
                      Stadt-und Marktrecht Friedrichroda 

Bild: Das alte Rathaus zu Friedrichroda (6a, S. 34)

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Dieses Rathaus wurde 1650 erbaut Am 3. August 1904 war es abgebrannt. Es wurde nicht wieder aufgebaut. 

Bild: Das neue Rathaus von 1922 und heute (25)

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Zwischenzeitlich wurden vom Stadtrat Geschäftsräume des Hauses (1. Etage) in der Hauptstraße, das dem Kaufmann Daniel gehörte, gemietet. Es dauerte bis zum 29. April 1922, dass der Stadtrat den Ankauf des Hotels "National" beschloss, um durch Umbau ein neues Rathaus entstehen zu lassen, dass sich bis heute (2008) in der Gartestraße 9 befindet. 

Bis Anfang des 11. Jahrhunderts ist nichts über die Stadt Friedrichroda bekannt. Da erhielt Landgraf Ludwig mit dem Barte von den deutschen Kaisern Konrad H. und Heinrich IH. ausgedehnte Walddistrikte, in denen später Dörfer entstanden. So auch Friedrichroda mit seiner Kirche St. Blasius.

Bilder: Kirche St. Blasius (25)

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Im Jahre 1511 gab es die Grundsteinlegung der evangelischen Kirche St: BLasius, sie wurde im spätgotischen Stil gebaut. Der Kirchturm ist bis heute erhalten geblieben. Andere Gebäudeteile stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, vor allem aus der Zeit um 1770. 

1595 gelang es durch den Herzog Friedrich Wilhelm von Sachsen-Weimar; das Marktrecht und 1597 auch das Stadtrecht zu erhalten. Die Bewohner von Friedrichroda lebten von der Land- und Forstwirtschaft, von 1784 -1814 gab es die Blütezeit der Bleicherei, des Zwirnhandels und der Drilligweberei. Am 22. Juli 1837 kam der 1. Kurgast, der Gothaer Buchhändler Friedrich Christoph Perthes, nach Friedrichroda. Seitdem entwickelte sich die Stadt als Kur- und Erholungsort.

Von 1825 -1844 entstand auf den Grundmauern der Benediktiner Abtei das Schloss Reinhardsbrunn. 1844 kam der junge Arzt Dr. Ferdinand Keil nach Friedrichroda, er erkannte den gesundheitsfördernden Einfluss dieser Waldgegend, indem er den Kurbetrieb belebte und Friedrichroda den Ruf eines heilklimatischen Kurortes verschaffte. Das hatte zur Folge, dass es eine sprunghafte Entwicklung des Fremdenverkehrs gab, und zwar durch den Bau von Hotels und Pensionshäusern sowie durch den Bau der Eisenbahn, des Eisenbahntunnels durch den Reinhardsberg (1894) sowie durch den Neubau des Kurhauses, das ein Jahr zuvor abgebrannt war. 1896 erhielt Friedrichroda einen Bahnhof. Zu dieser Zeit besuchte Ernst Barlach seine Mutter in dieser Stadt. 

2008 -120 Jahre Existenz des Cafes "Busch" in der Hauptstraße von Friedrichroda 

Eine Vorzeigeadresse im Zentrum der Stadt war die Geschäfts- und Flanierstraße "Hauptstraße" mit dem noch heute sehr bekannten Cafe "Busch" in der Hauptstraße, das 1888 eröffnet worden ist. 

Bild links: Hauptstraße von Friedrichroda, 1909 (6a, S. 33)
Bild rechts: Hauptstraße von Friedrichroda, 2008 (25)

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Bild: Cafe "Busch" in der Hauptstraße, Außenansicht (25)

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1.-3. Bild von links: Das Innere des Cafes (25)
4. Bild von links: Werbeplakat der Hof-Konditorei 1888 (25)

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Das Cafe Busch befand sich seit seiner Gründung 1888 bis heute in der Hauptstraße von Friedrichroda. 1906 wurde es im Jugendstil neu gestaltet. Seit dieser Zeit weist das Cafe im Inneren ein nahezu unverändert gebliebenes Mobiliar mit Ambiente auf. Deshalb steht es heute unter Denkmalschutz. So sagen es die Besitzer Familie Graue und ihre Mitarbeiter. 

1889 besuchten bereits 8000 Gäste jährlich Friedrichroda. Viele Geschäftsleute investierten in den Bau von Häusern, von Pensionen, von Straßen. 1891 wurden beiderseits der Alexandrinenstraße repräsentative Villen gebaut, in der Nr. 26 wohnte Ernst Barlachs Mutter.

Bild links: Alexandrinenstraße von früher (6a, S. 36)
Bild rechts: Alexandrinenstraße heute (25)

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1889 bekam Friedrichroda eine Schule in der Alexandrinenstraße, die Straße wurde 1891 weiter ausgebaut.

Bilder: Schule in der Alexandrinenstraße, erbaut 1889 (25)

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Der wirtschaftliche Aufbruch verlangte auch nach dem Bau eines Elektrizitätswerkes und eines Postgebäudes.

Bild: Postgebäude (25)

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Von großer Wichtigkeit waren der Ausbau des Wasserleitungssystems und des Abwassernetzes. Es entstanden vor allem medizinische Einrichtungen, z.B. Wannenbäder, medizinische Bäder. 1903 gab es bereits 12000 Kurgäste. Zu DDR-Zeiten wurde der Kurbetrieb systematisch weiterentwickelt. Friedrichroda war nach Oberhof der zweitgrößte Erholungsort der damaligen DDR.

Bild: Das neue Kurhaus in Friedrichroda, Juni 1894 (6a, S. 46)

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Im Juni 1894 wurde das Kurhaus als Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens von Friedrichroda gebaut und damit vor allem den vielen Kurpatienten zur Verfügung gestellt. Kurz vor dem Ende des II.Weltkrieges, am 9. April 1945, wurde dieses repräsentative Gebäude durch Beschuss und durch die Explosion von im Kurhaus gelagerter Munition zerstört, auch nicht wieder aufgebaut.

Bild: Berghotel Friedrichroda (25)

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Anstelle des durch den Krieg zerstörten Kurhauses entstand 1954 das Ferienheim "Walter Ulbricht". In den fast 20 Jahren nach der politischen Wende ist auch dieser immense Hotelkomplex rekonstruiert worden und als Berghotel mit 457 Zimmern wieder in Betrieb.

Bild: Katholische Kirche St. Karl-Borromäus (25)

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