wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Kiel (1928)

Tourist-Information Kiel, Kiel-Marketing e. V., Geschäftsbereich Tourismus, Andreas-Gayk-Str. 24, 24103 Kiel, Tel.: 0431/67910-99

Am 24. März 1927 teilte Ernst Barlach Reinhard Piper seine zukünftigen Pläne mit. Es geht bis 1932 um die Gestaltung seiner großen Ehrenmale und Grabanlagen:

Ich denke an eine Arbeit für die Stadt Kiel, mein Engel für den hiesigen Dom ist fertig, wird in vier bis sechs Wochen gegossen sein und das Drum und Dran dann als ein schweres Stück von mir in das Fach der besonderen Erinnerungen gelegt werden können. (3, S. 203).

Mit der Orientierung auf ein neues Werk für die Stadt Kiel glaubte Ernst Barlach, das Auf und Ab als immer währende Problematik der Arbeiten am Güstrower Dom-Engel vergessen zu können. Die Verhandlungen zwischen Ernst Barlach und dem Rat der Stadt Kiel begannen Anfang 1927, es betrifft ein plastisches Monument für die künstlerisch gestaltete Aufwertung der Altstadt, des Marktes. Ein zügiges Arbeiten an einer Großplastik für Kiel ist allerdings nicht denkbar, da sein Gesundheitszustand solcherlei künstlerische Kraftanstrengungen nicht zulässt. Der Arzt empfahl einen Kuraufenthalt, auch Marga Böhmer stimmte diesem ärztlichen Rat zu, so dass sich Ernst Barlach für sechs Wochen zu einem Kuraufenthalt in Bad Kissingen (Franken) auf den Weg machte. Barlach selbst wusste ja um seinen angegriffenen Gesundheitszustand: “Ich war ja immer herzkrank, jetzt fast arbeitsunfähig.“ Nachdem die Kur in Kissingen erfolgt ist, mit nicht zufrieden stellenden Ergebnissen, war Ernst Barlach Ende Juli 1927 wieder an seinem Schaffens-Ort Güstrow. In Kissingen war er keinesfalls untätig gewesen, was sein künstlerisches Engagement betraf. Hier schrieb er Notizen auf, die seine Biographie betrafen, vom Beginn seines Lebens bis 1910, dem Zeitpunkt, da Barlachs Leben nach Hugo Sieker in seinem Schaffen aufzugehen begann. 1928 erschien die Autobiographie im Paul Cassirer Verlag unter dem Titel „ein selbsterzähltes Leben“ mit solchen sprachlich überzeugenden Kapitel-überschriften: “ich blicke um mich“, “ich werde hörig“, “ich muss erfahren“, “ich werde geschoben“, “ich beiße an“, “ich gehöre zween Meistern“, “wohin treibt der Kahn“, “ich komme ans Werk“, “ich finde freie Bahn“ (vgl.: 2, 2004). .

Mitte des Jahres 1927 wartete Ernst Barlach immer noch auf einen Vertrag zwischen dem Stadtrat von Kiel und ihm. Deshalb äußerte er sich gegenüber den Auftraggebern:

Ich bin ganz im unklaren, in welchem Umfange ich arbeiten kann, meiner Bitte von früher, mir eine ungefähre Begrenzung für die Kosten zu geben, konnten Sie nicht entsprechen, ich bin also mit meinen Absichten ziemlich direktionslos und aufs Geratewohl einhergefahren. (3, S. 205)

Mit dem Kunstwerk für Kiel wollte Ernst Barlach zum ersten Mal eine Großplastik für den öffentlichen Raum schaffen.

Bild: Innenstadtplan Kiel aus "Kurs Kiel Stadtlotse" S. 60 (Kiel-Marketing e. V., Andreas-Gayk-Straße 31, Kiel)

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Ernst Barlach wählte eine Pfeilernische der Universitätskirche in der Kieler Altstadt aus. Im März 1928 wurde ein riesiges fünfeinhalb Meter hohes Modell geschaffen, das nun für den Guss vorbereitet wurde. In seinem Atelier in der Walkmühlenstraße war Ernst Barlach bei einer Engelsfigur von acht Zentnern vor die Aufgabe gestellt, zentnerschwere Gipsmassen zum Modell des “Geistkämpfers“ zu verarbeiten. Unterstützung bekam er von Marga und Bernhard Böhmer. Auch technische Hilfsmittel, zum Beispiel ein Aufzug, waren eine Grundbedingung für die Bewältigung von Materialmassen für die Formung des Kunstwerkes. Am 29. November 1928 wird der “Geistkämpfer“ in der Säulennische,  an einem stillen Ort aufgestellt. Das Denkmal stand zwar abseits und dennoch im Zentrum der Altstadt mit dem Markt, über den wichtige Geschäftsstraßen verlaufen, wie die Holstenstraße, vom Hauptbahnhof kommend, die Schlossstraße, die Dänische Straße, parallel zur Förde verlaufend, die Küterstraße und die Schumacherstraße, die im rechten Winkel zu den vorgenannten Straßen den Markt queren.

Bild: Archivfoto: Platz vor der Universitätskirche mit dem “Geistkämpfer“ in der Altstadt von Kiel (1, S. 121, 26)

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Den Arbeiten am Gipsmodell als Basis für den Bronzeguss bei der Firma Noack in Berlin waren wichtige Vorstudien als Kohle-Zeichnungen vorausgegangen, die die Vielfalt, die Variabilität, teilweise auch die Tendenz des Suchens zum späteren Original verdeutlichten, ausgewählt hier:

Bild: Entwurf zum Kieler Mal, 1927, Kohle (1, S. 116, 26)

09.04.1927: ein Sensenmann zu Pferde, auf Säulen stehend, darunter eine Menschengruppe sitzend

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Bild: Entwurf zum Kieler Mal, 1927, Kohle (1, S. 117, 26)

07.07.1927: ein menschliches Wesen, auf einem Sockel sitzend, in sich versunken, im Hintergrund die Pfeilernische eines Gebäudes (Kirche)

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Bild: Entwurf zum Kieler Mal, 1927, Kohle (1, S. 120, 26)

24.07.1927: eine Vorform des späteren Originals als Engel mit einem Schwert, darunter eine Gruppe von Menschen

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Bild: Der Geistkämpfer, 1928 vor der im Krieg zerstörten Universitätskirche Kiel, Bronze (1, S. 122, 26)

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Mit dem “Geistkämpfer“ begegnet den Betrachtern ein Beispiel der Auseinandersetzung zweier Wesen, einem Engel mit seinen Flügeln und einem Schwert als Symbol des Herrschens über das zweite Wesen, dem Bösen als Raubtier, Löwin mit grimmigen Augen und gesträubtem Gefieder.

Das Denkmal zeigt den Kampf zwischen dem Animalischen, dem Primitiven, vertreten durch den Tierkörper, und dem Geistigen, dem Kulturvollen, Gesitteten, vertreten durch den Engel. Der auf dem Tier stehende Engel, aufgerichtet, das Schwert gefasst, nach unten blickend, kennzeichnet den Sieger in Engelsgestalt gegenüber dem gebändigten Raubtier.

Kaum war der “Geistkämpfer“ an der Universitätskirche aufgestellt, wurden Proteste laut gegenüber dem Barlachschen Kunstwerk, das als Ehrenmal unkämpferisch sei.
Ernst Barlach war mit Marga Böhmer nach Kiel gereist, um sich ein Bild zu machen bezüglich der ablehnenden Reaktionen von Vertretern nationalistischer Kreise. Nach der Rückkehr aus Kiel zog er in einem Brief an seinen Bruder zu Beginn des Jahres 1929 ein Fazit aus dem Erlebten:

Die Aufnahme der Gruppe ist, wie die des Engels im Dom, frostig und ablehnend. Man hatte zwei Tage vorher sogar das Schwert abgebogen in der Nacht, alle Rechtsparteien ziehen gegen mich vom Leder. Jede Art Dummheit wird laut und mit Behagen austrompetet. Schlimmer ist die Hetze gegen mich von seiten der vaterländischen Vereine, speziell Stahlhelm, hier.

Anzumerken ist, dass die Aggressionen gegenüber Barlach nicht mehr nur das jeweilige Kunstwerk betrafen, sondern dass es generell um das Barlachsche in der Kunst ging, das anzufeinden galt.

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Barlach sollte getroffen werden in seiner Haltung gegen den Militarismus, für das Soziale sowie für den Humanismus seines Mensch-Seins. Als Folge all dessen sollte Ernst Barlach verleumdet werden und als Autor weiterer Ehrenmale für Kriegsopfer ausgeschaltet werden. Für ein Ehrenmal in Malchin hatten die Barlach-Gegner gewonnen, indem sie ihn als Juden verdächtigten.
 
Die schlimmen Erfahrungen, die Ernst Barlach wegen der Angriffe gegen seinen “Dom-Engel“ von Güstrow machen musste, setzten sich nun mit der Ablehnung des “Geistkämpfers“ fort. Es dauerte zwar noch Jahre, aber nach der Machtübernahme durch die Faschisten führten die sich verstärkenden Angriffe gegen Barlachs Kunstwerk zur Entfernung des Mals, und das geschah zu Hitlers 48. Geburtstag am 20. April 1937. Es erfolgte eine vorübergehende Aufbewahrung im Thaulow-Museum von Kiel.

Bild: Abbruch des “Geistkämpfers“ am 20. April 1937 anlässlich des Geburtstages von Adolf Hitler als Aktion “Entartete Kunst“ und Aufbewahrung im Thaulow-Museum  (26)

Im Jahre 1939, der Künstler Barlach war bereits gestorben, wurde im Rahmen des Gesetzes über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst die endgültige Beschlagnahme verordnet, bis es Bernhard Böhmer gelang, den „Geistkämpfer aufzukaufen und durch Hugo Körtzinger verstecken zu lassen. Damit hatte Ernst Barlachs “Geistkämpfer“ im Überlebenskampf den Sieg davongetragen.

Im Juni 1954 wurde Barlachs Großplastik “Geistkämpfer“ in der Pfeilernische nun vor der Nikolaikirche in Kiel wieder aufgestellt.


Foto-Variationen zu Ernst Barlachs “Geistkämpfer“ im öffentlichen Raum der Altstadt von Kiel (Helmut Sturm, Lübeck, 25, 02/03/2009):

1. Bild von links: Nikolaikirche, seitlich aufgenommen – K1/002
2. Bild von links: Turm der Nikolaikirche – K1/012
3. Bild von links: Kaufhaus mit Fahrradgeschäft, rechts daneben Säulenecke der Nikolaikirche mit dem “Geistkämpfer“ -  K1/013
4. Bild von links: Blick links auf ein Gebäude-Ensemble mit der Nikolaikirche rechts – K1/ 009

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1. Bild von links: Ansicht des “Geistkämpfers“ in der Totalen, vor der Säulennische – K1/004
2. Bild von links: Ansicht des “Geistkämpfers schräg von rechts vorn – K1/007
3. Bild von links: Ansicht des „“Geistkämpfers“ in der Totalen von links – K1/032
4. Bild von links: Ansicht des Oberkörpers des “Geistkämpfers“ – K1/036
5. Bild von links: “Geistkämpfer“: Kopf und Schulter des Löwen von vorn – K1/037

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Ernst Barlach war zeit seines 68 – jährigen Lebens, mit Ausnahme kurzzeitiger Aufenthalte in Dresden, Paris, Friedrichroda, Berlin, Höhr/Westerwald, Ukraine, Florenz im Norden Deutschlands zu Hause.

Bei einer Begegnung mit ihm hätte er sich mit seiner Sprache immer als Norddeutscher zu erkennen gegeben. Im Norden Deutschlands hatten die Werke Ernst Barlachs ihren Platz im öffentlichen Raum gefunden. Die Stadt Kiel mit dem “Geistkämpfer“ gehörte dazu: 1928 wurde diese Großplastik an der Universitätskirche aufgestellt, nach 17 Jahren der Leere an der Pfeilernische, im Versteck vor der Vernichtung bewahrt, wurde Barlachs Kieler Mal 1954, nun an der Nikolaikirche wieder aufgestellt und kündet seit dieser Zeit von der Größe des künstlerischen Schaffens Ernst Barlachs als Bildhauer. 

Die Reise nach Kiel lohnt also wegen Barlach, aber nicht nur deshalb.

Kiel ist seit eh und je eine Stadt am Wasser, eine Stadt am Meer. Parallel zum Verlauf der Kieler Förde über eine Distanz von 17 km bis zur Hörn verläuft am Westufer das Zentrum der Stadt Kiel mit der Altstadt, dem Altmarkt als Krönung. Die historische Entwicklung der Stadt wurde vor allem durch die Lage am Meer bestimmt. Nach der dänischen Herrschaft über Kiel seit 1806 gehörte diese Stadt im Zusammenhang mit der Eroberung Schleswig-Holsteins durch Preußen wieder zu Deutschland. 1866 war Kiel endgültig preußisch. Wenig später wurde Kiel zum “Kriegshafen“. Ernst Barlach war 12 Jahre alt, da gab es in dieser Stadt die erste “Kieler Woche“ als Treffpunkt für die Schiffsparade, für Segelregatten und ein großes Volksfest. Zur weiteren Entwicklung der Stadt trug wesentlich bei, dass eine künstliche Wasserverbindung von der Elbe bei Brunsbüttel durchs schleswig-holsteinische Land zur Ostsee, zur Kieler Förde bei Kiel - Holtenau gebaut wurde, 1895 eröffnet, als Kaiser-Wilhelm-Kanal bekannt geworden, sich heute unter dem Namen Nord-Ostsee-Kanal als die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt etabliert hat.
Von Kiel und ihren Matrosen brach 1918 ein Aufstand los, der sich als Novemberrevolution auf das ganze Deutschland ausweitete und damit den Grundstein legte zur Bildung der Weimarer Republik. Zahlen belegen die rasante Entwicklung der Stadt als eine Art Bevölkerungsexplosion seit 1885 (50 Tausend Einwohner). Um 1900 lebten in Kiel über 100 Tausend Einwohner, bis 1910 bereits     
211 Tausend Einwohner, d.h. innerhalb von 10 Jahren eine Verdopplung der Einwohnerzahl.
Die Luftangriffe der Amerikaner und Briten im II. Weltkrieg führten zu einer 80-prozentigen Zerstörung der Stadt Kiel. Die günstige Lage an den beiden Meeren Nordsee und Ostsee ließen die Stadt nach dem Krieg durch die wirtschaftliche Entwicklung der großen Werften, den größten in Europa, wieder erstarken, selbst wenn von der Bausubstanz einiges für immer verloren gegangen ist.

Foto-Impressionen der Stadt Kiel

Bild von links, Nr. 17: Wahrzeichen Kiels: der markante Kieler Rathausturm, davor das Opernhaus, 2008 (http://de.wikipedia.org/wiki/Kiel)
Bild von links, Nr. 18: Kieler Hauptbahnhof, 2008 (http://de.wikipedia.org/wiki/Kiel)
Bild von links, Nr. 19: Holstenstraße in der Innenstadt, 2008 (http:de.wikipedia.org/wiki/Kiel)

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Bild von links, Nr. 20: Nikolaikirche am Altmarkt: (25)
Bild von links, Nr. 21: Nikolaikirche aus dem Häusermeer herausragend: (25)
Bild von links, Nr. 22: die beiden im Stadtzentrum aufragenden Türme: links Nikolaikirche, rechts Rathausturm: (25)

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Bild von links, Nr. 23: Kreuzfahrschiffe, Fähren unmittelbar neben der Altstadt: (25)
Bild von links, Nr. 24: Dominanz des Gebäudes Rathausturm: (25)
Bild von links, Nr. 25: Schifffahrtsmuseum, unmittelbar am Westufer der Kieler Förde: (25)

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Das Kieler Schifffahrtsmuseum befindet sich in einer ehemaligen Fischhalle. In der ständigen Ausstellung sind zahlreiche Gegenstände zur Hafen-, Schifffahrts-, Schiffsbau- und Marinegeschichte zu besichtigen.

Bild von links, Nr. 26: die Fassade des Schifffahrtsmuseums in seiner architektonischen Pracht: (25)
Bild von links, Nr. 27: Schwedenkai am Westufer der Förde, nicht weit vom Schifffahrtsmuseum: (25)
Bild von links, Nr. 28: Norwegenkai am Ostufer der Förde: (25)
Bild von links, Nr. 29: Hubkran zur Beförderung der Passagiere vom Schiff oder aufs Schiff: (25)
Bild von links, Nr. 30: Entladen einer Fähre der Color Magic–Linie: (25)

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Bei Einfahrt per Schiff in die Kieler Förde oder bei Verlassen dieser Meeresbucht passieren alle Schiffe das Marine-Ehrenmal in Laboe. Es gilt als Gedenkstätte für die auf See Gebliebenen aller Nationen sowie als Mahnmal für eine friedliche Schifffahrt auf allen Meeren.

Bild von links, Nr. 31: Marine-Ehrenmal in Laboe bei Kiel, Deutscher Marinebund e. V., 24235 Laboe, Strandstraße 92: (26)
Bild von links, Nr. 32: Blick auf das Marine-Ehrenmal in Laboe, vom Schiff aus: 25)

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