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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Uraufführungsstätten der Dramen

Informationen zu den Dramen Barlachs nach den Daten der Uraufführungen

Barlach Selbstbildnis (1928)Das sitzende Mädchen<br />aus dem Privatbesitz des AutorsDer Buchleser<br />aus dem Privatbesitz des Autors

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Ernst Barlach beginnt, sich für das Theater zu interessieren

1894, im vorletzten Jahr seines vierjährigen Studiums an der Königlichen Akademie für Bildende Kunst in Dresden näherte sich Ernst Barlach dem künstlerischen Geschehen am Theater. Er stand vor dem Abschluss seiner Prüfungsarbeit, einer Plastik, die "Krautpflückern" (Rübensammlerin) genannt, als er am 26. Februar 1894 mit Karl Garbers, seinem Kommilitonen und Freund, eine Vorstellung im Residenztheater Dresden besuchte. Gespielt wurde Gerhart Hauptmanns Dichtung „Hanneles Himmelfahrt", das in der Erstausgabe von 1893 „Hannele Matterns Himmelfahrt" genannt wurde, dann in einer Neufassung den Titel „Hannele, Traumdichtung in zwei Teilen" und schließlich 1896 den endgültigen Titel "Hanneles Himmelfahrt" erhielt. "Hanneles Himmelfahrt" ist als Milieustück angelegt, auch im Dialekt geschrieben. Hannele ist ein Mädchen im Alter von etwa 14 Jahren, das vom Stiefvater in brutalster Weise misshandelt wird, den Entschluss fasst, aus dem Leben zu scheiden, sich im Teich zu ertränken, vom Lehrer gerettet wird. Hauptmanns Dichtung verlässt die Wirklichkeit des Geschehens in einer Kursänderung zu Phantasien eines kranken Mädchens, das den Stiefvater fürchtet, die Mutter vermisst und den Lehrer liebt, wobei sich die Handlung darstellt als eine liebende Jungfrau in ihrem Verhältnis zu ihrem Bräutigam Christus. Die Uraufführung dieser Dichtung am 14. September 1893 im Schauspielhaus Berlin erreichte das Publikum kaum, es zeigte sich enttäuscht.

Der 24-jährige Ernst Barlach soll sich über diese Aufführung wie folgt geäußert haben: "lauterste, wunderbarste, innigste deutsche Poesie" (vgl.: 27, S. 169). Ernst Barlach war durch die Uraufführung dieses Dramas in Dresden so bewegt, dass von einem Schlüsselerlebnis in der Begegnung mit der Theater-Kunst gesprochen werden kann.

1906/07 erfolgte ein Aufbruch, ein Durchbruch im Leben und im künstlerischen Wirken Ernst Barlachs

Sechs Monate reichten aus, um sich auf die Reise zu seinem Bruder Hans in die Ukraine zu begeben mit dem Ziel: im übertragenen Sinne zu neuen Ufern zu gelangen. Als Bildhauer gelang ihm beim Studieren der einfachen Menschen Südrusslands eine größere Anzahl von Figuren, vorerst gezeichnet mit Bleistift, Tusche, vor allem Kohle, um diese teilweise ein Jahr später in Berlin zu Plastiken zu formen, wie: "Blinder Bettler", "Russische Bettlerin mit Schale", "Bettlerin mit Kind", "Liegender Bauer". Nach seiner Rückkehr aus der Ukraine eröffnete sich dem Bildhauer Ernst Barlach ein neuer Weg künstlerischen Wirkens. Über einen Zeitraum von etwa 14 Jahren widmete er sich dem Schreiben von Dramen, die alle auch ihre Uraufführung in Theatern Deutschlands erfuhren.

Dem Sujet von "Hanneles Himmelfahrt" nahe liegend, war der Stoff seines ersten Dramas "Der tote Tag" auf die zwischen-menschliche Beziehung zwischen Barlach als Vater eines unehelichen Kindes (Nikolaus) und dessen Mutter mit einem zweifelhaften Charakter orientiert. Ernst Barlach äußerte sich 1916 in Briefen an Julius Coiner sehr kritisch zu seiner angespannten Familiensituation als Grundlage für sein erstes Drama (28, S. 196): "Meine damalige Situation als Vater eines unehelichen Kindes, dessen Mutter mich betrog und erpresste, die ich aber nicht so dumm war, sie für "schlecht" zu halten, die aber doch einem niedrigen Lebenskreis, gegen den meinen genommen, angehörte. Ich entriss der Mutter das Kind...So versetzte ich mich mit oben bezeichnetem Trieb "über mich hinaus" in die Situation des Kindes, war in der Phantasie zugleich Vater und Sohn, zugleich Mutter und Kind."

Obwohl die Beschäftigung Barlachs mit seinen Dramen seit Beginn der Arbeit an "Der tote Tag" im Jahr 1907 bis zur Uraufführung des Dramas "Die gute Zeit" im Reußischen Theater Gera Ende 1929 einen Zeitraum von 22 Jahren betraf, war Ernst Barlach bereits 1921 beim Besuch einer Aufführung des Dramas "Die echten Sedemunds" bitter enttäuscht. Barlach hatte sich unverstanden und gedemütigt gefühlt, er habe sich, bezogen auf sein Theaterstück, nicht wiedererkannt. Ein Jahr später äußert sich Barlach zum Theater-Geschehen um ihn herum: "Ich habe das Theater satt" (28, S. 24). Sarkastisch reagierte er anlässlich einer Inszenierung von "Die Sündflut" 1927 in Frankfurt: "Als ich mit meinem Sohn auf der Reise eines Abends in Frankfurt war, sahen wir auf dem Theaterzettel die "Sündflut". Da gingen wir denn ins Kino" (28, S. 24). Barlachs Abneigung gegenüber den Inszenierungen seiner Dramen führt zu weiteren drastischen Bemerkungen und entsprechenden Entscheidungen (28, S. 11): Auf das Ansinnen, die Uraufführung zu "Der tote Tag" am 22. November 1919 am Leipziger Schauspielhaus zu besuchen, reagierte er ablehnend. Schließlich gab Barlach auf Bitten von Paul Cassirer, die Inszenierung "Der blaue Boll" zu besuchen, nach. Barlach erschien in Berlin. "Cassirer war selig, jetzt kommt endlich Barlach, und das ist doch sehr wichtig, und wird wahrscheinlich applaudieren. Und dann gingen sie los, zehn Minuten vor halb acht, um halb acht begann die Vorstellung, und  als sie an der Ecke Friedrichstraße und den Linden waren, kniff plötzlich Barlach Cassirer energisch in den Po und sagte: 'Nee, Mensch, wir gehen in den Wintergarten, ich traue dem Kerl nicht, das wird wieder so ein Jessner sein! Und sie gingen in den Wintergarten, und Barlach fuhr ab und hat in seinem Leben nie mehr ein Stück von sich gesehen' " (28, S. 24f.).


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