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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Der Findling (1920–1921)

Uraufführung am 8. April 1928
Neues Schauspielhaus Königsberg

028_small.jpgIm Neuen Schauspielhaus Königsberg, dem Uraufführungstheater, gab es insgesamt drei Aufführungen des Dramas "Der Findling", die unter der Regie von Fritz Jessner stattgefunden hatten. Die Statistik weist nur noch zwei weitere Theater aus, die dieses Drama im Spielplan hatten: Am 22. Oktober 1988 im Theater Cropinus Zürich mit einem Gastspiel aus Kiel, am 6. September 1997 im Orphtheater Berlin (vgl.: 28, S. 284).

Die geringe Anzahl von Bühnen mit Aufführungen "des Findlings" lässt sich wohl dadurch erklären, dass einerseits der Stoff dieses Dramas wenig Akzeptanz beim Publikum gefunden haben könnte, dass sich andererseits mit dem Standort Königsberg, ehemals Ostpreußen, eine geographisch-politische Situation mit dem Ausbruch des II. Weltkrieges ergeben hatte - und das ein Jahr nach dem Tod Ernst Barlachs -, die wenige Jahre später mit Ende des Krieges durch das Potsdamer Abkommen dazu geführt hatte, dass Ostpreußen mit Königsberg sowjetisches beziehungsweise russisches Territorium geworden ist. Damit gingen vermutlich die wichtigsten Dokumentationen zur Geschichte des Neuen Schauspielhauses allgemein, sowie speziell zur Aufführung von Dramen Barlachs verloren. 

Vortitel der Erstausgabe zu Ernst Barlachs Drama “Der Findling“, 1922, Quelle 28, S. 284; 26 (© Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg; Ernst Barlach Stiftung, Güstrow)

Externer Link: Inhalt des Dramas „Der Findling”


Ein Blick auf Königsberg (ehemals Ostpreußen)

Wer Königsberg heute (2008) betritt, entdeckt vieles Schöne der ehemaligen, rekonstruierten Bausubstanz neben Bauten, die unter sowjetischer Führung an Ehemaliges, Militaristisches, Herrschaftliches , wie dem Schloss, nicht erinnert werden wollen und deshalb abgerissen worden sind. Andere Gebäude fielen dem Bombenangriff der Alliierten 1944 zum Opfer und wurden auch nicht wieder aufgebaut. Geblieben sind die Straßenführungen mit ihren Plätzen. Aus dem ehemaligen Zentrum um den Kneiphof mit dem Dom wurde im Nordwesten der Stadt das neue Zentrum rund um den Hansaplatz geschaffen. Heute ist es der Platz des Sieges mit ehemaligen repräsentativen Gebäuden.

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Unmittelbar hinter dem Hansaplatz befindet sich der Nordbahnhof, von dem aus die Züge in Richtung Ostsee abfuhren, früher waren es täglich bis zu 30 Züge am Tag. Es gab die Bahnlinien: Samlandbahn, Cranzer Bahn, Labiauer Bahn. Östlich daneben öffnete sich das Tor zur Deutschen Ostmesse. Vom Fluss Pregel, der die Stadt durchfließt, erstreckt sich östlich des Zentrums nach Norden Richtung Nordbahnhof eine Ringstraße, genannt Deutschordenring. Wenn man sich an der Kreuzung Kniprodestraße nach links wendet, erreicht man am Schnittpunkt mit dem Hansaring den ehemaligen und heutigen Standort des Theaters "Neues Schauspielhaus". Vor dem Eingang des Theaters mit Blick nach Süden stehend, schaut man auf den parkähnlichen Walter-Simon-Platz mit dem Friedrich-Schiller-Denkmal, das auch heute noch seinen angestammten Platz hält. Auffällig ist, dass die Stadtväter und die Bürger der Stadt an den Namen bedeutender Persönlichkeiten festhalten, wie Friedrich Schiller und Immanuel Kant, dessen Grab sich am Dom auf dem Kneiphof befindet.

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Einblick in die Geschichte des Theaters

Das Neue Schauspielhaus wurde 1912 am beschriebenen Standort gebaut. Die Pläne stammten vom Architekten Otto Walter Kuckuck. Zur Eröffnung dieses Theaters hieß es "Luisentheater", 1923 war es für die Königsberger die Komische Oper, bis die Stadt Königsberg das Theater kaufte und umbaute. Es entstand ein größerer Zuschauerraum im Bauhausstil. Das alles geschah bis 1927. Ein Jahr später wurde Ernst Barlachs Drama "Der Findling" hier uraufgeführt. Das „Neue Schauspielhaus" in Königsberg war dafür bekannt, dass vermutlich durch das damalige Wirken des Intendanten Leopold Jessner "moderne Literatur" im Spielplan angeboten wurde: Strindberg, Schnitzler, Hofmannsthal, Shaw, Wedekind und eben auch Barlach.

Seit 1960 steht an demselben Ort wieder ein Theater mit demselben Namen "Neues Schauspielhaus".

Foto-Variationen vom Neuen Schauspielhaus Königsberg (alt, ab 1912; neu, ab 1960: 26, 25)

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Holzschnitte von Ernst Barlach zu “Der Findling“, 1922 (Auswahl), Quelle 28: Steinklopfer und roter Kaiser, S. 47; Friß, friß, Vater Kummer, S. 49; Fort mit dem Wort vom Menschenfraß, S. 51; 26 (© Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg; Ernst Barlach Haus - Stiftung Hermann F. Reemtsma, Hamburg; Fotos: Heinz-Peter Cordes, Hamburg)

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...So packend und überzeugend die plastischen Gestalten Ernst Barlachs sind, so sehr versagt hier seine Gestaltungskraft an den dramatischen Personen. Denn Anschaulichkeit ist doch wohl die erste Voraussetzung und Forderung jeder dramatischen, ja nur bühnlichen Wirkung...

(Aus der Kritik zur Uraufführung des Dramas "Der Findling" von Ernst Barlach am Neuen Schauspielhaus Königsberg, von Ludwig Goldstein, Der Findling, Frankfurter Zeitung, undatiert, Ernst Barlach Haus: 28, S. 286)