wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Schulzeit und Studium

Auf dem Weg zum bildenden Künstler

Ernst Barlach berichtete über seinen Beginn der Schulzeit, dass es in Ratzeburg eine Spielschule der Tante Lomeyer gegeben habe, die wohl als eine Art Vorschule bezeichnet werden könnte, um dort ein wenig schreiben und lesen zu lernen. Es gibt auch seine Aussage, dass er in der Septima des Gymnasiums auf dem Buchstabenweltmeer endgültig flott geworden sei. Für das Tun außerhalb der Schule entdeckte der Schuljunge Ernst die Natur, im besonderen den Wald. Er nannte so etwas das Streifen durch das Fuchsholz, als würde ihm die Binde von den Augen fallen und als würde ein Wesensteil des Waldes zu ihm hineingeschlüpft kommen. Auch probierte sich Ernst Barlach, und das des öfteren abends vor seinen drei Brüdern, im Bett liegend, im Erzählen. Das war in der Regel etwas selbst Erfundenes oder tagsüber Erlebtes, es handelte von Indianern. Er lebte mit Lederstrumpf und mit Schmökern jeder Art, ein Kasperltheater fehlte ebenso nicht, um die Köpfe von Kasper, Tod und Teufel lebendig werden zu lassen mit seinen erzählten Handlungen.

... alles war gut, wenn es nur den Zauber besaß, mich von mir vergessen zu machen. Doch das Leben nahm mich bisweilen am Genick und stieß mich mit der Nase in seine Wirklichkeiten, ich bekam die Elementarbücher des Geschehens um die Ohren geschlagen, dass mir der Kopf brummte (2, S. 22).

Ebenso gab es das von Ernst Barlach benannte Epos "Kuhgesicht". Kuhgesicht war der "Kosename" für einen Lehrer, der einmal einen Schüler so genannt hatte, von da an selbst so genannt wurde. Der markante Bartwuchs des Lehrers Kuhgesicht reizte den Schüler Barlach, dieses Gesicht an die Wände des Gymnasiums zu schmieren. Ein Weihnachtsgeschenk für den Vater hatte sich der junge Barlach ausgedacht, indem er nach Vorlage der schön gestalteten Blätter zu Hauffs Märchen so etwas kopierte, mit Blei tief ins Papier gegraben. Darauf meinte der Vater: Dat hett min Jung makt ... Dat mütt jo een kloken Jung sien (2, S. 24).

In dieser Zeit wurde unter den Jungen in der Stadt an den Nachmittagen auch eine andere Sprache gesprochen, die beiden Göllner-Buben und Ernst Barlach "konnten nicht miteinander", die Göllners waren Schüler der Stadtschule, und die Schüler des Gymnasiums waren ihre Feinde, wie auch umgekehrt. Aus Ernst Barlachs Erzählungen liest man, dass er wohl Schüler des Gymnasiums gewesen sein muss, vielleicht nur zeitweilig. Also prügelte man sich untereinander. Prügeln war zu jener Zeit üblich, auch in der Schule, ausgeführt zum Beispiel vom Lehrer Tiek, der gleich die gesamte Klasse verprügelte, nicht weil es Verfehlungen gegeben hatte, sondern weil's zu Beginn des Unterrichts dazu gehörte, den Stock hervorzuholen und zu prügeln, einfach so, weil – wie Barlach berichtet – Prügeln gut tut, sowohl dem, der gibt, wie dem, der nimmt (2, S. 17).

Einige Monate nach dem Tode des Ehemannes zog Ernst Barlachs Mutter im Herbst 1884 mit ihren vier Jungen nach Schönberg zurück. Hier wurde der junge Barlach flügge, der Schüler fühlte sich als nichts Ganzes, weder gut noch schlecht, trennte sich von den kurzen Hosen, trug die Anzüge seines Vaters auf und begab sich in die Rolle eines jungen Mannes, der bewundert werden wollte, nach Geltung strebte, vorrangig mittels Veränderungen seines Outfits. Da half auch Tusche, um sich eine Wunde auf die Stirn zu malen. Ernst Barlach entdeckte aus dem Nachlass seines Vaters ein Seume-Buch im Westentaschenformat mit dem Inhalt: "Der Spaziergang nach Syrakus". Einerseits wurde dadurch wieder das Kapitel Wandern als Leitfaden seines Lebens berührt, andererseits nutzte er das Seume-Buch als Vorlage, um Ähnliches aus eigener Feder zu Papier zu bringen. Schließlich öffnete sich eine Tür, von dem Barlach, wie er sagt, nicht wissen konnte, dass es sich zur Lebenswerksatt auswachsen würde (2, S. 27). Die Ehefrau des Schuldirektors, vermittelt durch seine Mutter, erbat sich von dem Schüler Barlach zu einem Brettspiel ein Dutzend Vögelchen aus Ton. Mit einem Kiebitz fing er an.

Unter der Überschrift Ich werde geschoben aus dem "selbsterzählten Leben" formulierte Ernst Barlach gleich im ersten Satz:

Es gingen Zuckungen in mir vor, dass alles sich fieberhaft und wütend umwälzte (2, S. 28).

Auf Bruchstücken von Grabsteinen in der Werkstatt des Steinmetzen Busch versuchte sich Ernst Barlach im Gestalten von schnurrigen und kindlichen Buchstaben auf polierter Marmorplatte als Weihnachtsgeschenk für seine Mutter. Wieder war es die Dichtkunst, die ihn packte, veranlasst durch eine zufällige Begegnung mit Friedrich Düsel, einem Primaner, der bei Verwandten zu Besuch weilte, einem jungen Goethe gleich, uns alle mühelos überstrahlend, siegend durch raschen und regen Geist (2, S. 29)... Ernst Barlach spürte in der Begegnung mit Friedrich Düsel, dass ihm alle Form fehle. Vermittels eines regen mündlichen und schriftlichen Gedankenaustauschs entstand eine Duzfreundschaft zwischen ihnen, die die Empfindungen und Gedanken zu ihren Lebens- und Strebenszuständen zum Inhalt hatte. Es wurde eine Freundschaft, die nicht auf Sand gebaut war, sondern auch durch die Jahre nicht in Vergessenheit geriet.

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Bild links: Abschlussklasse mit dem Klassenlehrer der "Großherzoglichen Realschule zu Schönberg", im Frühjahr 1888 aufgenommen, obere Reihe, in der Mitte Ernst Barlach, Nr. 5: 7, S. 15; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)

Im Frühjahr 1888 stand nach Abschluss der Realschule ein eventueller Wechsel in die Unterprima des Gymnasiums an. Die vom Vormund gestellte Frage nach seinen Berufswünschen konnte von Ernst Barlach nicht so ohne weiteres beantwortet werden. Noch war ihm der Gedanke an einen Weg zum Künstlertum nicht gekommen, als sich ihm zufällig ein Fingerzeig bot. Der Sohn des Kantors Hempel hatte sein Zeichentalent an der Hamburger Gewerbeschule erfolgreich ausbilden lassen. Hier zeigte sich für den Schulabgänger Barlach eine berufliche Entwicklung, die ihm sein Zeichenlehrer empfahl und der sein Vormund zustimmte, so dass sich für Ernst Barlach ein Weg in die Zukunft möglicherweise als Zeichner und Bildhauer auftat, allerdings fast mehr dem Willen anderer folgend als dem eigenen.

Kurz nach Ostern 1888 hatte er seine dreijährige Berufsausbildung an der Allgemeinen Gewerbeschule in Hamburg begonnen. In seinem selbsterzählten Leben überschreibt Ernst Barlach das diesbezügliche Kapitel mit den Worten ich beiße an, und er fragte sich gleich zu Anfang: Habe ich eigentlich Talent? Als Antwort erfuhr er von seinem Zeichenlehrer, dem Dänen Woldemar, ein vernichtendes Urteil, als dieser auf Barlachs Zeichenbrett schaute: Ich sollte nur gleich meine Mühe einstellen, ich würde niemals was Rechtes zustande bringen. Barlach dagegen folgte diesem Hinweis nicht, sondern kämpfte und errang schließlich, wenn auch widerwillig, Anerkennung. In ihm reifte sein Standpunkt zu künstlerischem Schaffen, dass man sich für ein Einziges und Wichtiges entscheiden müsse. Von Fleiß geprägt, lernte Ernst Barlach das Kopieren nach Gips ebenso wie auch das eigene Erfinden, das Streben nach selbständiger Darstellung. Sehr zufrieden war er, seinen künstlerischen Blick zu schärfen beim Betrachten des alltäglichen Geschehens auf den Straßen. Da liefen Menschen zu Tausenden hin und her, und so griff Ernst Barlach in die rechte Tasche zum Bleistift und in die linke zum Büchlein, um ein paar Linien und auch mehr zu Papier zu bringen. Jahre später konnte er auf eine Vielzahl von Skizzenbüchern zurückgreifen, die seinen künstlerischen Blick geschärft hatten, denn seine Zeichnungen waren eine ihn stets begleitende, unverzichtbare und bedeutende Vorstufe zum bildnerischen Schaffen, wie man es später bei den Arbeiten an den Großplastiken nachvollziehen kann. Der Katalog seines umfangreichen Schaffens verweist, zumindest was die Plastik anbelangt, für die Zeit seiner Ausbildung an der Gewerbeschule in Hamburg auf keine Kreationen, es war halt ein allgemeines Lernen des Handwerklichen, stark geprägt vom Zeichnen.

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Bild rechts: Blick auf das Gebäude-Ensemble an der Brühlschen Terrasse in Dresden (Nr. 6: 25)

Nach Abschluss der Ausbildung an der Gewerbeschule in Hamburg wechselte Ernst Barlach an die Königliche Akademie der Bildenden Künste nach Dresden. Das erste Semester des vierjährigen Studiums begann nach Ostern 1891. Auch seine Mutter zog nach Dresden, es war ihr zehnter Umzug seit ihrer Heirat, sie suchte meistens Geborgenheit bei ihren Söhnen.

In Dresden fand Ernst Barlach als Meisterschüler seinen Studienplatz vor allem beim Lehrer Robert Diez.

 

 

... der mit dem Finger auf das kaum Merkliche im Verhalten der Natur hinwies, ... der immer eifrig die Kulturen seiner Schüler nach den verzagtesten Keimen von Eigenart absuchte und Hebammendienste bei jedem ehrlichen Vorhaben unserer Unreife leistete (2, S. 41).

Gegenüber Ernst Barlach wirkte er väterlich ermunternd, vor allem bezogen auf die Eigenart seines Schülers, vermittels seines Zeichnens in Büchlein die Ereignisse auf den Straßen, in den Kneipen darzustellen, und das durch ungebräuchliche Blickwinkel des Geschehens. 

Letztlich kam Ernst Barlach bezüglich seines Studiums in Dresden zu dem Schluss, dass auch das Atelier Diez an ihm keine Wunder vollbracht hätte. Bereits im Juni 1889 schrieb Barlach an seinen Freund Friedrich Düsel:

Als Bildhauer muss mir natürlich von den drei Arten, auf welche man das Leben und Treiben der Menschen abkonterfeit, der Plastik, dem Malen und Zeichnen und der Erzählung, die erste natürlich am geläufigsten und liebsten sein (3, S. 24).

Weil ihm aber die Plastik nicht ganz genügte, zeichnete er, und weil ihm das Zeichnen auch nicht ganz genügte, schrieb er also.

Aus seinen Begegnungen mit der Natur sowie mit dem Leben und Arbeiten der Menschen auf dem Lande hat er während seines Besuches bei der Mutter in Friedrichroda, wohin diese verzogen war, die Menschen bei ihrer Arbeit in der Landwirtschaft beobachtet und als seine ersten Werke künstlerisch gestaltet: Die Plastik "Krautpflückerin’’ als Abschlussarbeit seines Dresdner Studiums hatte Ernst Barlach ein Jahr vor dem Ende des Studiums fertiggestellt.

Ein Jahr zuvor (1893) hatte der Kunststudent Ernst Barlach von einem Verlag den Auftrag erhalten, das Lehrwerk "Figürliches Zeichnen’’ für Architekten zu illustrieren.

Fruchtbringend waren auch die Begegnungen mit seinem Studienkollegen Karl Garbers. Dieser hatte für das im Bau befindliche Hamburger Rathaus Fassadenfiguren gestalten dürfen. Im November 1897 erhielten Garbers und Barlach dazu den Auftrag.

Bild links: Skizzenbuch Friedrichroda, 1894, Einzelblatt (Bauer und Bäuerin auf dem Felde darstellend) Tusche über Bleistift, mit violetter Tusche laviert (Nr. 8: 6, S. 19, 26)
Bild mitte: "Krautpflückerin" (Rübensammlerin), 1894, Bronze (Nr. 7: 1, S. 19, 26)
Bild rechts: Nordgiebel am neuen Rathaus in Altona mit einem Relief (Nr. 9: 7, S. 30/31, 26)

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Als Lohn für seine künstlerische Arbeit erhielt Karl Garbers ein Paris-Stipendium. Ernst Barlach sollte ihn auf dieser Reise begleiten, sein Lehrer Robert Diez riet dringend zu. Reste seines väterlichen Erbes bildeten für Ernst Barlach die materielle Grundlage dieses Unternehmens. Im April 1895 machten sich Garbers und Barlach für die Dauer etwa eines Jahres auf den Weg nach Paris. Ernst Barlach reiste mit der Hoffnung, in dieser bedeutenden Kunst-Metropole Anregungen für seine zukünftige künstlerische Entwicklung zu erhalten. Anfang Juli 1895 bezog Ernst Barlach sein "Atelier in der Gartenecke".

Bild: "Atelier in der Gartenecke" 7, rue Alain Chartier, 15. Arrondissement, Nr. 10: 7, S. 25/o,li; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg) (fehlt noch)
Bild: Eingang zur rue Alain Chartier (Nr. 11: 25) (fehlt noch)
Bild: Durchblick an der rue du Dragon 31 zum Eingang der Académie Julian (Nr. 12: 25) (fehlt noch)

Er studierte in einer privaten Académie, die der Maler Rodolphe Julian im Jahre 1868 gegründet hatte. Zur Gründungszeit der Académie Julian gab es folgende Adressen: Passage des Panoramas (9. Arr.), später für die Männer: 31, rue du Dragon (6. Arr.),  für die Frauen: 51, rue Vivienne (2. Arr.). Diese Akademie lehrte in Konkurrenz zur offiziellen École des Beaux-Arts, denn in letzterer waren bis 1897 keine Frauen zugelassen. In der Académie Julian studierten sowohl Männer als auch Frauen. Unter den bildenden Künstlern und den Malern war die Académie Julian eine sehr begehrte Ausbildungseinrichtung für junge Künstler. Außer Barlach hatten weitere deutsche Künstler diese Akademie besucht: Louise Breslau, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Ludwig Meidner, Emil Nolde, Leo Putz, Hilla de Rebay, Ludwig Gustav Scheuermann. Außer den Studienbewerbern aus Frankreich kamen Vertreter aus 15 Ländern Europas zum Studium an die Académie Julian nach Paris. Im Mai 1896 verließ Ernst Barlach Paris, mit dem Eindruck, nichts bedauern zu müssen, und mit dem nachträglichen Bemerken:

... ich war mir übrigens gründlich gleichgeblieben, hatte bitter wenig gelernt und gar nichts vergessen (2, S. 51).

Daran konnte auch ein zweiter Paris-Aufenthalt von März bis Juli 1897 nichts ändern. Zwischen diesen Reisen nach Paris suchte Ernst Barlach in Friedrichroda Ruhe und Besinnung. Hier lebte seine Mutter. Zwischen 1894 und 1897 hatte Ernst Barlach mehrmals für einige Zeit bei seiner Mutter Louise Barlach in der Alexandrinenstraße 26 von Friedrichroda gewohnt.

Sein Leben und Wirken in Paris wie auch in Friedrichroda fand seinen Niederschlag in einer Fülle von Zeichnungen. Es sind bis zu 37 Skizzenhefte in Taschenformat nachgewiesen.

1. Bild von links: Landschaft mit Kirche, um 1896/97, Bleistift, Nr. 13: 6, S. 8; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)
2. Bild von links: Pariser Wäscherin, 1896, Tusche über Bleistift, Nr. 14: 6, S. 10; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)
3. Bild von links: Skizzenheft 27 (Herbst 1896. Friedrichroda), 1896, Doppelseite Bleistift, Kohle, Nr. 15: 6, S. 26; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)
4. Bild von links: Friedrichroda, Baumreihe am Abend, 1897, Bleistift und Kohle, Nr. 16: 6, S. 31; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)

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Nach Paris und Friedrichroda begannen im November 1897 Karl Garbers und Ernst Barlach in Hamburg mit der Ausgestaltung des Nordgiebels am Altonaer Rathaus, die ein Jahr später abgeschlossen werden konnte. Außerdem beteiligten sich beide Künstler am Wettbewerb zur Platzgestaltung um das Schillingsche Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Hamburg mit Erfolg. Sie erhielten den 1. Preis und ein Preisgeld von 5000 Mark. Dieser Anerkennung folgte allerdings ein Hin und Her von Auffassungen zu diesem Angebot mit dem enttäuschenden Ergebnis, dass der Entwurf von Garbers und Barlach durch Beschluss des Senats im April 1899 fallen gelassen wurde. Ernst Barlach verließ daraufhin Hamburg und lebte von September 1899 bis Juni 1901 in Berlin. Auch der Berlin-Aufenthalt war von Enttäuschungen bezüglich seines künstlerischen Wirkens geprägt. Um leben zu können, zeichnete Ernst Barlach sogar Lampenentwürfe, einen davon in Jugenstil–Manier.

Beeindruckend war eine Jugendstil-Zeichnung.

Ebenfalls als Jugendstilwerk gestaltete Ernst Barlach in Berlin das beeindruckende  "Grabmal Moeller-Jarke’’ auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg.

Bild links: Lampenentwurf im Jugendstil, genannt "Mond–Nacht", Nr. 17: 7, S. 26/0, li; 26 (copyright by Heinz-Peter Cordes, Hamburg)
Bild mitte: "Frühlingswind", um 1900, Nr. 18: 6, S. 151; 26 (copyright by Heinz-Peter Cordes, Hamburg)
Bild rechts: "Grabmal Moeller-Jarke", Nr. 19: 7, S. 32; 26 (copyright by Heinz-Peter Cordes, Hamburg)

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Schließlich arbeitete er an zwei Skizzen zu einem Goethe-Denkmal in Straßburg, das allerdings den Auftraggebern nicht gefiel. Der Kunstkritiker Karl Scheffler schilderte die Folgen des verzweifelten Zwingen-Wollens folgendermaßen:

Er will zu viel, will alles und kommt nirgends zum Abschluss ... Hier ist eine Kunst, die tanzen möchte und noch nicht gehen kann, die feierlich reden will, während sie noch nach der Sprache sucht (3, S. 40).

Im Juni 1901 verließ Barlach die Großstadt Berlin und ging zurück in seine Geburtsstadt Wedel. Hier ging es ruhiger zu, und so hoffte er, Kraft zu schöpfen für erfolgreicheres künstlerisches Wirken. 1902 war das "Grabmal Moeller-Jarke" fertig gestellt, und es wurde eingeweiht. Erfolg hatte er zusammen mit Karl Garbers bei der Gestaltung einer Neptun-Gruppe auf dem Verwaltungsgebäude der Hamburg-Amerika-Linie an der Binnenalster. Schließlich half ihm sein ehemaliger Studienfreund Richard Mutz, der in Altona eine Töpferei besaß, Keramikfiguren zu produzieren. Das garantierte allerdings nicht die Sicherung seines Lebensunterhalts. Also übernahm er im September 1904 einen Lehrauftrag für Zeichnen an der Königlichen Keramischen Fachschule in Höhr (Westerwald). Nach gut einem halben Jahr der Lehrtätigkeit sagte er selbst über sich, er sei zwar tätig gewesen, aber fruchtlos und unlustig.

Im April 1905 war er wieder in Berlin. Im Alter von 35 Jahren stand er als angehender bildender Künstler vor einem Nichts: Er schrieb:

Hier gings nun allerdings heillos her; ich wusste, dass ich in einer Hölle saß, und saß darin ringend um die tagtägliche Überwindung des Bewusstwerdens meiner ganzgänzlichen Überflüssigkeit ... Es langte bei meinem Treiben mit dem abhanden gekommenen Mut sooft kaum zum Aufstehen, am liebsten wäre ich um zehn Uhr früh schon wieder ins Bett geflohen, ich wirtschaftete ab, und das Leben ebbte mit so starker Strömung, als wollte es sich wie die Elbe beim Ostorkan entleeren (2, S. 55).

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