wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Zu neuen Ufern

Eine Reise zum Bruder Hans ins südliche Russland (Charkow)

Und doch hatte sich in diesen dunkelsten Zeiten ein junges Leben auf den Weg gemacht, wie um meine Hand zu fassen und mich in ein ansteigendes Dasein zurückzuleiten. Es war also keine große Kunst, mich zur Reise nach Russland zu bestimmen, als mein Bruder Niko, damals amerikamüde,mir bedeutete, ich hätte bis dann und dann meinen Pass zu beschaffen, sonst ginge er ohne mich. Wir reisten (2, S. 55).

Bild: Photographie: Ernst Barlach, links, mit seinen Brüdern Hans und Nikolaus in Russland, 1906. Kat.-Nr. 125. 26, 10, S. 163 (Nr. 1 fehlt noch)

"Ernst Barlach auf Reisen"

Ernst Barlach, der als Bildhauer überwiegend im Norden Deutschlands lebte, widmete sich vor und nach dem Jahre 1906 einigen Reisen zu künstlerischen und privaten Zwecken. Genannt seien auswählend: die mehrmaligen Fahrten seit 1894 zu seiner Mutter nach Friedrichroda; seine zwei Reisen 1895/96 und 1897 zu Studienzwecken nach Paris; seine Reise 1904 nach Höhr-Grenzhausen (Westerwald) zur Übernahme eines Lehramtes an der Fachschule für Keramik; die bedeutende Reise vom 2. August 1906 bis zum 28. September 1906 mit seinem Bruder Nikolaus zu seinem Bruder Hans nach Charkow/Ukraine; seine Reise 1909 für etwa neun Monate nach Florenz, hier schuf er seine erste Holzplastik und hier traf er den Dichter und Philosophen Theodor Däubler; die Reise mit Theodor Däubler an die Ostseeküste mit den Stationen Wismar und Stralsund; die Reise mit seinem Sohn Nikolaus 1925 nach Süddeutschland; seine wiederholten Reisen mit Marga Böhmer in den Harz sowie zweimal die Reise nach Bad Kissingen zur Kur.

Ernst Barlachs Suchen und Irren auf dem Weg zum bildenden Künstler hatte mit dem Jahr 1906 plötzlich einen Hoffnungsschimmer erhalten.

Wenn man bedenkt, dass die Hälfte seines Lebens schon hinter ihm lag, dann ist es um so erstaunlicher, mit welcher Schöpferkraft, mit welchem Schaffensmut, mit welchem Fleiß er fast alle seine Werke im Zeitraum von 1906 bis 1938 geschaffen hat. Es betrifft seine Zeichnungen, die Holzschnitte, seine literarischen Werke und schließlich sein eigentliches Schaffen als Bildhauer mit einer Vielzahl der kleinen und großen Plastiken, vor allem mit seinen Ehren- und Grabmalen.

Wer könnte es besser darstellen als Ernst Barlach selbst, der im Oktober 1928, 22 Jahre nach dem eigentlichen Geschehen, im Paul-Cassirer-Verlag sein "selbsterzähltes Leben" erscheinen ließ und rückblickend die etwa achtwöchige Reise mit seinem Bruder Nikolaus zu seinem Bruder Hans in die Ukraine nacherleben ließ. Unter der Kapitelüberschrift "Ich finde freie Bahn’’ bekannte er:

Schon als wir durch Warschau zum andern Bahnhof über die Weichsel fuhren, schüttelte mich die Beglücktheit des selig Erwachenden, der noch die Pein des mühsamen Sterbens nicht vergessen hat – ich sah, dass das Feld schnittreif meiner harrte ... Und trotz Fieber und endlosem Bruderzwist fraß ich wie ein Gezücht und Landplage alle Erscheinung von Stadt und Steppe in einen unersättlichen Hungersack, in der Glut eines andern Fiebers, einer Angestecktheit nicht durchs Klima, sondern aus unheilbarem Verfallensein, für das ich bis zur Wehrlosigkeit zugerichtet war. Nichts Fremdes oder Bestürzendes – alles war mir wie lang vertraute Kunde, aufgeschlossen, preisgegeben, widerstandslos meinem Gefallen und Belieben erbötig (2,S.56).

Landkarten für Ernst Barlachs Reisewege von Berlin nach Charkow und zurück (26, 10):

Bild: Reiseweg Berlin - Charkow, 10, S. 159 (Nr. 2 fehlt noch)
Bild Nr. 2a:
Landkarte von Charkow, dem Regierungsbezirk Charkow, dem Donezgebiet mit dem Dorf Pokatilowka südlich von Charkow, 10, S. 161 (Nr. 2a fehlt noch)
Bild Nr. 3:
Rückreise von Charkow nach Berlin, 10, S. 162 (Nr. 3 fehlt noch)

In Zeichnungen und Fotos hielt er seine Begegnung mit der Landschaft und mit den Menschen der Ukraine fest (von links):

1. Bild von links: Bauernhütte im Dorf Pokatilowka als Sommerhaus des Bruders, für Ernst Barlach der Hauptwohnsitz während seines Besuches, Sommer 1906, Nr. 20: 7, S. 34/o; 26)
2. Bild von links: Russische Bauernstube, Sommer 1906 (Nr. 20a: 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)
3. Bild von links: Wagenzug durch die Steppe, Sommer 1906, Zeichnung Nr. 21: 7, S. 34/o; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)
4. Bild von links: Steppenlandschaft mit Balabanow, 1906, Kohle (Nr. 22: 1, S. 34, 26)
5. Bild von links: Kopf eines jungen Russen mit Schirmmütze, 1906, Skizzenbuchblatt Bleistift (Nr. 23: 6, S. 153, li, 26)

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Es folgen weitere Bilddokumente:

1. Bild von links: Tivoligarten in Charkow mit dem Theatergebäude, links: Historische Postkarte Städtisches Museum Charkow, 26, 10, S. 51 (Nr. 9 fehlt noch)
2. Bild von links: Photographie (Vor- und Rückseite mit Text zum Foto), Bild 7, Katalog-Nr. 134: "Ernst Barlach in Charkow 1906 Fahrt nach Bälgerod. Die Stadtkirche, in der ich eine Zentralheizung gebaut habe." Stempel darunter: Barlach-Archiv Güstrow, A 84, 26, 10, S. 289 (Nr. 10 fehlt noch)
3. Bild von links: Photographie: Steppenfahrt 1906, Barlach an einem Kurgan (Hügelgrab) bei Kramatorowka, 26, 10, S. 22 (Nr. 11fehlt noch)
4. Bild von links: Photographie: Steppenfahrt 1906, Fahrt nach Kramatorowka, Rückblick auf Bachmut im Morgengrauen, 26, 10, S. 23 (Nr. 12fehlt noch)
5. Bild von links: Wolken über der Steppe, 1906, Kohle: Großes Skizzenbuch Russland 1906, Blatt 8, Kunsthalle zu Kiel, 26, 10, S. 141 (Nr. 13fehlt noch)

Und so klang Ernst Barlachs Credo, sein Streben zur künstlerischen Meisterschaft als Zeichner, Graphiker, Dramatiker und Bildhauer betreffend:

Form – bloß Form? - Nein, die unerhörte Erkenntnis ging mir auf, die lautete: du darfst alles Deinige, das Äußerste, das Innerste, Gebärde der Frömmigkeit und Ungebärde der Wut, ohne Scheu wagen, denn für alles, heiße es höllisches Paradies oder paradiesische Hölle, gibt es einen Ausdruck, wie denn wohl in Russland eines oder beides verwirklicht ist (2, S. 57).

Die Tatsache besteht, dass die Wirklichkeit für mein Auge plastische Wirklichkeit war und dass ich mein bisher unbefriedigtes Bedürfnis mit mir heranführte, Bereitschaft und Fähigkeit zum Sehen nicht der andern, sondern der plastischen Werte. Russland gab mir seine Gestalten, aber freilich und vermutlich bin ich nicht ohne Anteil an dem Sosein des endlichen Ausfalls, denn als ich zurückkehrte und die ersten beiden Bettler, diese Bettler, die mir Symbole für die menschliche Situation in ihrer Blöße zwischen Himmel und Erde waren, in Friedenau im alten Stübchen anlegte, drang der alte Zweifel zu: wird das nun endlich wirklich Plastik oder wieder Modellierarbeit? Restlich musste doch nicht schlecht gekämpft werden und der Dumme mag glauben, dass die in Russland gewonnene Form aus der reichen Hand beiläufig und trinkgeldmäßig in meine Arme gelegt sei (2, S. 56 f.).

Würde man aufzählen wollen, was Barlach während seines Aufenthaltes in der Ukraine in seinen Skizzenbüchern aufgezeichnet hat, so begegnet man seit seiner Rückkehr aus Russland und für alle Zeit seines Schaffens immer wieder dem Menschen an sich, nicht das einzelne Porträt betreffend, sondern man begegnet dem Menschlichen in seiner Verallgemeinerung als Reichtum von Empfindungen: Der Mensch in seinem Leid, in seiner Trauer, in seiner Verzweiflung, in seinem Schmerz, in seiner Duldung, in seiner Überwindung von Leid, aber auch der Mensch in seinem Glück, in seiner Zufriedenheit, in seiner Freude, in seinem Lachen, in seinem Lesen, im Tanzen, Singen und Musizieren, in seiner Arbeit, in seiner Liebe, in seiner Ehrfurcht, in seiner Gläubigkeit, in seinem Gottgefallen.

Aus Russland nach Berlin Ende September zurückgekehrt, konnte er seinen Sohn Nikolaus in Empfang nehmen, der während seines Russland-Aufenthalts als uneheliches Kind am 20. August 1906 geboren worden war. Die Mutter, Rosa Limona Schwab, war eine Näherin, sie war eine gewisse Zeit sowohl seine Geliebte als auch sein Modell. Bald jedoch trennte sie sich von Ernst Barlach, der seinen Sohn zu sich nehmen wollte und deshalb Rechtsmittel einsetzte. Nach langem Hin und Her entschied das Preußische Justizministerium im Dezember 1908 zugunsten des Vaters Ernst Barlach. Es erklärte den inzwischen zweijährigen Sohn Nikolaus für ehelich. Das Leben als Künstler und als Erziehungsberechtigter mit kaum vorhandenen Vorstellungen über die alltägliche Betreuung und Erziehung seines heranwachsenden Kindes überstieg in den Wochen und Monaten danach die Kräfte des Vaters. Und dennoch stellte sich Barlach auch mit Stolz der Verpflichtung, für seinen Sohn und dessen Entwicklung zu sorgen.

Lichtblicke gab es seit der Rückkehr nach Berlin bezüglich seines Neuanfangs im Wirken als Bildhauer

Mit der künstlerischen Verarbeitung seiner Erlebnisse und Eindrücke von den russischen Menschen auf dem Lande und in der Stadt sowie von der weiten russischen Landschaft des Donez-Beckens gelangte Ernst Barlach in seinem künstlerischen Schaffen nun zu "neuen Ufern".  Es muss dem Künstler Barlach als sehr wichtig erschienen sein, wenn er in seinem "selbsterzählten Leben" die ersten künstlerischen Produkte seiner Russlanderfahrungen nennt. Er spricht von den "ersten beiden Bettlern’’, es sind die Plastiken als Tonfiguren, in seinem Berliner Atelier im September 1906 gestaltet:

Bild links: "Blinder Bettler", 1913, Porzellan, Glasur in weiß, Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst, Nr. 24: 7, S. 36/o,/li; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)
Bild mitte: "Russische Bettlerin mit Schale", 1906, Porzellan, Glasur in weiß, Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst,  Nr. 25: 7, S. 36/0, re; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)
Bild rechts: "Bettlerin mit Kind", 1907, in Holz erst 1935 gearbeitet Nr. 26: 7, S. 37/o, re; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)

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Die ersten beiden Plastiken zeigte Ernst Barlach der Öffentlichkeit anlässlich der 13. Ausstellung der Berliner Secession im Sommer 1907 und erregte unter Kollegen Interesse und Zustimmung. In dieser Zeit entschloss sich Barlach, als Mitglied in die Berliner Secession einzutreten. Hier hatten sich vor allem jüngere Künstler zusammengefunden, die etwas aderes in ihren Künsten gestalten wollten, als es sich bisher im Traditionellen eines herkömmlichen Kunstbetriebes gezeigt hatte. Solche Vereinigungen bildeten sich auch in Dresden und München mit dem Ziel, vor allem über Ausstellungen ihre Auffassungen von Kunst als Maler oder Bildhauer im Protest gegenüber dem Herkömmlichen in ihren Werken zu zeigen.

Auf weitere Plastiken, die nach der Rückkehr aus dem südlichen Russland entstanden sind, soll hier aufmerksam gemacht werden:

1. Bild von links: Der Melonenesser, 1907, Bronze, Katalog-Nr. 105, Gussstempel: H. Noack Berlin Friedenau, 26, 10, S. 272 (Nr. 17 fehlt noch)
2. Bild von links: Liegender Bauer, Porzellan, Katalog-Nr. 116, Entstehungszeit des Modells (Gips): 1908, 26, 10, S. 281 (Nr. 18 fehlt noch)
3. Bild von links: Russische Bettlerin II, 1907, Bronze, Katalog-Nr. 109, Gussstempel: H. Noack Berlin Friedenau, 26, 10, S. 275 (Nr. 19 fehlt noch)
4. Bild von links: Ernst Barlach. Russisches Liebespaar, 1907, Kohle Kat.-Nr. 180, 26, 10, S. 290 (Nr. 20fehlt noch)
5. Bild von links: Kopf einer Säuferin, 1906, Taschenbuchblatt. Ernst Barlach Haus Hamburg, 26, 10, S. 24 (Nr. 21 fehlt noch)

Der erlebnisvolle, über acht Wochen währende Aufenthalt Ernst Barlachs in Charkow/Pokatilowka hat sich in fünf Russischen Taschenbüchern niedergeschlagen.

Kurzer Einblick in das Russische Taschenbuch I

Bild links: Photographie vom Russischen Taschenbuch I mit rotbraunem Ledereinband und der Titelbeschriftung (in Sütterlinschrift): Aus / Rußland /1906, 26, 10, S. 179 (Nr. 22 fehlt noch)
Bild rechts: Kurzbericht über die Rußlandreise mit der Überschrift "Charkow", aufgeschrieben auf der Innenseite des vorderen Vorsatzes / Bl. 1r, 26, 10, S. 180 (2. Abbildung von oben) (Nr. 23 fehlt noch)

Es folgt der Text des Kurzberichtes auf Seite 180:

"Charkow

Abgereist von Berlin mit Niko Donnerstag d. 2 August 1906, in Alexandrowo an morgends gegen 8. In Warschau um 2 Uhr, in Kiew d. 4 August 11 Uhr, dort spaziert in den Anlagen, auf den Straßen, durch Kirchen ab gegen 6 Uhr, in Charkow an Sonntag d. 5 August.  Nach einigen heißen Tagen gab es kühles und Regenwetter. So dass ich bei meinen Wanderungen durch die Stadt Nikos grünen St. Franciskopaletot wohl gebrauen konnte. Ich begleitete Niko auf Bauten u. wo er jetzt einen Bau als Monteur leitet, hole ich ihn meistens um 12 u 6 Uhr mittags u abends ab. Mit Hans zuweilen auf die Datsche ins Dorf Pokatilowka. Da giebts sonderbare Fahrten bei Sternhimmel auf der Lineika über "grundlose Wege auf öden Gefilden" (.) Seit einigen Tagen ist es heiß, aber dabei immer windig. Maximum bisher nur 42° Reaumur (im Original: Reaumür). Hans möchte mir gerne 50° zeigen.

EBarlach 22 August 1906 Charkow Malo Gontscharowskaja N° 1. (10, S. 180)

Anmerkungen zum Inhalt der Übersicht von Seiten des Russischen Taschenbuches:

"Architektonische Studien, figürliche Skizzen und Studien, Bildniszeichnungen (Gesichter, Köpfe), Landschaften. Bleistift, auch Feder in Schwarz über Blei. Verschiedene handschriftliche Einragungen mit Feder und Bleistift.

Das Taschenbuch enthält Datierungen, vereinzelt auch Ortsangaben, aus denen Anhaltspunkte für eine Chronologie des betreffenden Reiseabschnitts ersichtlich sind" (hier keine weiteren Angaben vom Autor).

Bild Nr. 24: Übersicht der ersten 16 Seiten des Russischen Taschenbuches I, 26, 10, S. 180 f. (fehlt noch)

Noch war Barlachs Weg zur hohen Meisterschaft weit, aber das Neue in der Formgestaltung hatte sich abgezeichnet und war als unverlierbar von ihm erkannt worden. Max Liebermann, der Erste Vorsitzende der Berliner Secession, hatte zum 60. Geburtstag Barlachs 1930 die Bedeutung der Russlandreise für Barlachs Gesamtschaffen rückblickend gewertet:

Ein jeder Künstler erlebt seinen Tag von Damaskus, den entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben: Wie jemand, der ahnungslos und urplötzlich seiner Wirklichkeit gegenübersteht in dem Gefühl: Das und nichts anderes musst du zum Bilde gestalten. An diesem Tag hat er sich selbst entdeckt, er hat den Weg gefunden, der ihn zum Ziele führen wird (3, S. 66).

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