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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Das Beethoven-Denkmal

Der Reigen des Schaffens von Großplastiken für den öffentlichen Raum begann mit Ernst Barlachs Bereitschaft, sich an einem vom Berliner Magistrat im April 1926 (in der Literatur auch mit dem Datum 30. Juli ausgewiesen) ausgerufenen Wettbewerb für den Entwurf eines Beethoven-Denkmals auf dem Büowplatz (vor der Volksbühne)  zu beteiligen. Mit Barlach waren weitere Bildhauer zur Mitarbeit eingeladen: Rudolf Belling, Marcel Breuer, Georg Kolbe, Hugo Lederer, Karl Ludwig Manzel, Otto Placzek und Edwin Scharff. Mit der künstlerischen Gestaltung eines Beethoven-Denkmals wollte die Stadt Berlin den bedeutenden deutschen Komponisten 067_small.jpg068_small.jpganlässlich seines 100. Todestages würdigen (gestorben am 26. März 1827 in Wien). Die Entwürfe sollten bis Mitte Oktober 1926 vorliegen. Ernst Barlach hatte wenig Hoffnung, sich überhaupt  beteiligen zu können. Schließlich begann er Anfang September mit

den Arbeiten, die mit der Unterstützung durch Marga und Bernhard Böhmer termingerecht für die Ausstellung im Bürgersaal des Berliner Rathauses abgeschlossen werden konnten. Auffällig im Vergleich zu Barlachs sonstigem Schaffensprozess war, dass es keine variierenden Vorentwürfe gab. Ernst Barlach stellte sich eine Rundsäule vor, 13 m hoch, nach oben sich verjüngend und in den Kopf mündend, mit hoher Stirn, wirrem, strähnenreichen Haar, geschlossenen Augen, mit entschlossen wirkendem, großem Mund und schmalen Lippen:

Um die Säule des Korpus herum, als Halbrelief gestaltet, befanden sich Figuren, als Lauschende gekennzeichnet, viele mit geschlossenen Augen, jeweils auf einer Konsole stehend, über den Köpfen der Lauschenden der Namenszug des Komponisten, damit den gesamten Säulenkorpus strukturierend. Für das 2,60 m hohe Gipsmodell waren dem Künstler lediglich sechs Wochen bis zu seiner Aufstellung im Berliner Rathaus geblieben. In einer Rezension des Autors Fritz Stahl im Berliner Tageblatt vom 21. Oktober 1926 konnte man das Ergebnis zur Kenntnis nehmen:

"Das Preisgericht vermag nicht, der Stadt Berlin einen der eingereichten Entwürfe zur Ausführung zu empfehlen, weil keiner der Entwürfe der Ehrung Beethovens in Berlin  voll gerecht wird" (1, S. 102).

Fritz Stahl bewertete die Jury-Leistung als sehr merkwürdig, vor allem wegen mangelnder Begründung des Urteils. Während er die Leistungen von Edwin Scharff ("hat mich geradezu überrascht..."), Hugo Ledererer ("keineswegs von vornherein abzuweisen...") und Rudolf Belling ("erhebliche Qualitäten...") würdigte, blieb für Ernst Barlach nur eine Anmerkung:

"Es sind Entwürfe da, die gleichgültig oder verunglückt sind. Wer konnte auch glauben, dass der verehrte Meister Barlach, in seiner Art groß, ein Beethoven-Denkmal schaffen könnte" (1, S. 102).

Was von dem gescheiterten Versuch eines Beethoven-Denkmals blieb, waren die Figuren, später als der "Fries der Lauschenden’’ benannt, die Ernst Barlach 1935 in einer Zeit voller Verzweiflung an den Auftraggeber Hermann F. Reemtsma im Güstrower Atelier übergeben konnte. Es war ein letzter Licht- und Hoffnungsblick seines Wirkens als Bildhauer. Das Beethoven–Denkmal war das letzte Modell dieser Größenordnung, das in seinem Atelier ("alter Pferdestall’’) gefertigt worden war. Zum 1. Dezember 1926 konnte Ernst Barlach sein neues Atelier in einer ehemaligen Autowerkstatt, Walkmühlenstraße 21 in Besitz nehmen. Jetzt besaß er einen Raum von beachtlicher Größe, etwa 8 m mal 10 m, („viel Platz wartet auf die kommenden Aufgaben’’), vor allem mit viel Ober- und Seitenlicht. Hier entstanden in der Folge alle seine Großplastiken für Güstrow, Magdeburg, Kiel, Ebersdorf und Hamburg.

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Bild links: Ernst Barlachs neues Atelier in der Walkmühlenstraße 21 von 1926 – 1931, eine ehemalige Autowerkstatt, Nr. 61: 7, S. 60; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)
Bild rechts: Aufnahmen von Ernst Barlach und Marga Böhmer etwa aus der Zeit September 1928, Nr. 61a: 7, S. 46 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)