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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Das Kieler Mal: Der "Geistkämpfer"

Wenige Wochen nach der Einweihung des Güstrower Ehrenmals gönnte sich Ernst Barlach eine schöpferische und eine die Physis stabilisierende Pause, indem er für vier Wochen nach Bad Kissingen zur Kur fuhr. Untätig konnte er allerdings auch hier nicht sein, dabei wechselte er das Thema. Er arbeitete an der seit längerem geplanten Autobiographie unter dem Titel "Ein selbsterzähltes Leben'', integriert war eine Reihe von Zeichnungen. Von besonderem Wert für die Leser war wohl der Anhang zu diesem Büchlein mit Tafeln aller von 1906 bis 1927 geschaffenen Plastiken. Nach Ergänzungen, die er bis Ende des Jahres 1927 vornahm, konnte das Manuskript dem Paul-Cassirer-Verlag übergeben werden, wo es im Oktober 1928 erschien. Schon vor seiner Reise nach Bad Kissingen, also während der Arbeiten am Güstrower "Dom- Engel'', bot sich eine weitere Gelegenheit, eine Großplastik zu schaffen, nämlich für die Stadt Kiel. Nach einer Notiz des Kieler Stadtbaurates Dr. Hahn hatte Ernst Barlach bereits am 10. 2. 1927 diese Stadt besucht, um den Platz für seinen "Geistkämpfer'' vor der Universitätskirche in Blickrichtung zur Altstadt auszuwählen. Eine Reihe von Entwürfen und Vorstudien verdeutlichen den Prozess des Suchens, ausgewählt sind hier:

077_small.jpg09.04.1927: ein Sensenmann zu Pferde, auf Säulen stehend, darunter eine Menschengruppe:

Bild: Entwurf zum Kieler Mal 1927, Kohle (Nr. 65: 1, S. 116, 26)

07.07.1927: ein menschliches Wesen, auf einem Sockel sitzend, in sich versunken;

24.07.1927: eine Vorform des späteren Originals als Engel mit dem Schwert, darunter eine Gruppe von Menschen;


Foto-Variationen mit Aufnahmen von Helmut Sturm, Lübeck: „Geistkämpfer'', 1928, vor der Nicolaikirche am Markt in Kiel, Bronze (25)

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Auffällig war, dass dieses Denkmal schon gleich nach seiner Aufstellung die Kritik der Betrachter herausforderte, es gefiel einfach nicht, es war vor allem nicht heroisch genug. Ernst Barlach berichtete seinem Bruder Hans von dieser Missstimmung:

"Die Aufnahme der Gruppe ist .... frostig und ablehnend. Man hatte zwei Tage vorher sogar das Schwert abgebogen in der Nacht, alle Rechtsparteien ziehen gegen mich vom Leder. Jede Art Dummheit wird laut und mit Behagen austrompetet'' (3, S. 207).

Vielleicht als eine Art Vorahnung der kommenden Schmähungen gab Ernst Barlach kurz vor der Aufstellung des Denkmals seinen Standpunkt zum Kunstwerk in einem Brief vom 25.11.1928 an Dr. Willy Hahn kund:

"Noack nennt die Arbeit hartnäckig 'Ehrenmal'. Und da ich daran denke, dass Sie selbst die Möglichkeit einer solchen Bestimmung erwogen, so könnte man vielleicht, diese Vorstellung verfolgend, das Werk als Gruppe der Überwindung, Selbstüberwindung ansprechen. Dieses Strebende trennt sich vom Erdig-Horizontalen. Erweitert: Erhabenheit über dem Leiden (Leiden hier: Gebundenheit an Trieb, Zweck und Schicksal in der Zeitlichkeit)'' (1, S. 121).

054_small.jpgDie schlimmen Erfahrungen, die Ernst Barlach wegen der Angriffe gegen seinen "Dom-Engel'' machen musste, setzten sich mit der Ablehnung des "Geistkämpfers'' fort, es dauerte zwar noch Jahre, aber nach der Machtübernahme der Faschisten führten die sich verstärkenden Angriffe gegen Barlachs Kunstwerk zur Entfernung des Mals, und das geschah zu Hitlers 48. Geburtstag, am 20. April 1937. Es erfolgte eine vorübergehende Aufbewahrung im Thaulow-Museum von Kiel.

Bild: Abbruch des "Geistkämpfers'' am 20. April 1937 anlässlich des Geburtstages von Adolf Hitler als Aktion "Entartete Kunst", vorübergehende Aufbewahrung im Thaulow-Museum Kiel,  Nr. 67: 7, S. 87/o, re; 26 (copyright by Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg)

Im Jahre 1939, der Künstler Barlach war bereits gestorben, wurde im Rahmen des Gesetzes über die "Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst'' die endgültige Beschlagnahme verordnet, bis es Bernhard Böhmer gelang, den "Geistkämpfer'' aufzukaufen und durch Hugo Körtzinger verstecken zu lassen. Damit hatte Ernst Barlachs "Geistkämpfer'' im Überlebenskampf den Sieg davon getragen.