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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Kindheit und Jugend

Am 2. Januar 1870 wurde Ernst Barlach als Sohn des Landarztes Dr. Georg Gottlieb Barlach und seiner Ehefrau Louise, geborene Vollert, in Wedel bei Hamburg als erstes von vier Kindern geboren.

Zwei Monate später wurde er hier von seinem Großvater, dem Pfarrer Gottlieb Ernst Barlach, auf den Namen Ernst Heinrich getauft. Ernst Barlachs Eltern hatten sich in dem Dorf Satrup kennen gelernt, wo das berufliche Wirken seines Vaters als Landarzt begonnen hatte, während seine Mutter im Pastorat des Dorfes die Pflichten des Hausstandes erlernte. Ein Jahr vor Barlachs Geburt hatten die Eltern am 2. März in Wedel geheiratet und waren in ein repräsentatives Eckhaus am Markt gezogen. In diesem Haus kam auch Barlachs Bruder Hans am 11. Juli 1871 zur Welt.

Ein Jahr später wechselten die Barlachs mit ihren Kindern Ernst und Hans den Wohnort Wedel und verzogen nach Schönberg in Mecklenburg, der Hauptstadt des Fürstentums Ratzeburg. Hier erhielten sie im selben Jahr Familienzuwachs mit den Zwillingen Nikolaus und Joseph. Bereits vier Jahre später (September 1876) verließ die sechsköpfige Familie Barlach das mecklenburgische Städtchen und ließ sich in Ratzeburg nieder. Diese Stadt beeindruckte schon zu Barlachs Zeiten durch ihre Lage am Großen Ratzeburger See und am Küchensee sowie durch den Dom

Bild links: Geburtshaus Ernst Barlachs in Wedel (Nr. 2: 25)
Bild mitte: Wohnhaus ("altes Vaterhaus") nahe der Kirche in Ratzeburg (Nr. 3: 25)
Bild rechts: Dom zu Ratzeburg, Wahrzeichen der alten Bischofsresidenz Ratzeburg (Nr. 4: 26)

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Die ersten sieben Lebensjahre war Ernst Barlach durch den Wohnortwechsel seiner Eltern häufig unterwegs. Solche Ortsveränderungen können oftmals bewirken, dass sich Kindheitserinnerungen dabei verwischen, es sei denn, sie sind gebunden an bestimmte Erlebnisse, an bestimmte Situationen, vor allem an bestimmte Personen. Sein Buch Ein selbsterzähltes Leben, 1928 veröffentlicht, beinhaltet all das, was einem Jungen in diesem Alter passieren kann. So versuchte Ernst Barlach mit seinem Freund Edmund Steffen ein gefundenes Hufeisen zu Geld zu machen, was kläglich scheiterte, indem vom Gesellen in einer Schmiede statt einer Belohnung für das übergebende Hufeisen eine Maulschelle ausgeteilt wurde. Es gab noch andere Gelegenheiten, Ärger zu bekommen, wenn zum Beispiel das strenge Verbot, ins Wasser zu fallen, übertreten wurde. Statt des Umsorgt-Werdens nach dem unfreiwilligen Bad im Teich hinter dem Hause gab es Schläge. Auch gab es in Barlachs Kindheitserinnerungen das Ertappt-Werden beim Schwindeln und den damit verbundenen mahnenden Worten der Mutter: Sag die Wahrheit! Rückblickend bekannte Barlach:

Die Sattheit und Schwere der Wedeler Marschen, die Elbfernen sind mir fortgeschwemmt, aber die Schönberger Tage und Nächte sind schon auf festen Erinnerungsboden gekommen (2, S. 11).

Es kam auch die Zeit, wo der Sohn Ernst herangewachsen war, um den Vater bei seinen Diensten als Landarzt zu begleiten, die damals mit einem Fuhrwerk durchgeführt wurden, wenn er seine Patienten in den umliegenden Dörfern aufsuchte. Der Junge lernte notgedrungener Weise das Warten in Geduld

... denn der Dr. Barlach betrieb nach seiner eigenen Formulierung keine Dampfdoktorei und vergaß an Krankenbetten frierende Pferde, Kutscher und Kind. Ich meine, die beste Erziehung liegt im Beispiel wertvollen Tuns (2, S. 12)... 

In Erinnerung an seine Mutter stellte Ernst Barlach fest, dass sie keine Ader für das Künstlerische hatte. Weder malte sie, noch zeichnete und schrieb sie. Aber sie war ansprechbar in allen Dingen, die das wirkliche Leben betraf. Auf Grund eines sehr guten Gedächtnisses wusste sie

... von allen bitteren und heiteren Stücken zu erzählen ... Das Buch, das ich ihr als Aufgabe gegeben, die Familienchronik, hat sie nicht geschrieben, ihr einziges, ein Kochbuch, blieb Manuskript ... Nein, das Ideal meiner Mutter eines Seins auf einsamer Insel lebenslang in trauter Gemeinschaft mit dem geliebten Mann fand auch in Ratzeburg keine Erfüllung (2, S. 16).

Um die Gesundheit seiner Mutter war es nicht zum besten bestellt. Barlach erzählte dazu nur ganz allgemein:

Um diese Zeit kamen wir einmal aus der Schule heim und wurden bedeutet, dass unsere Mutter abwesend sei, auf kurze oder vielleicht auf längere Zeit. Wir antworteten nicht, fragten nicht und taten zueinander, als sei da alles auf dem sichern Boden des Notwendigen (2, S. 17).

Was war geschehen?

Als Ernst Barlach 12 Jahre alt war, zeigte sich immer deutlicher im Verhalten der Mutter ab, dass sie an einer Nervenkrankheit litt, die sich zunehmend verschlechtert haben musste, so dass sie 1882 in eine Nervenklinik nach Schwerin eingewiesen wurde. Ein Jahr später hatte man sie als geheilt entlassen. 1884 schlug das Schicksal erneut zu. Als der Vater, sich nicht wohl fühlend, einen weiten Weg aufs Land zu einer Bestellung zu Fuß zurücklegte und erst spät in der Nacht nach Hause zurückkam, – sein Kutscher, ebenfalls erkrankt, konnte ihn nicht kutschieren – verschlimmerte sich in der Folge seine Erkältung zur Lungenentzündung. Wirksame Behandlungsmöglichkeiten gab es damals kaum, so dass Ernst Barlachs Vater nach Pfingsten, Anfang Juni 1884 verstarb. Ernst Barlach war zu diesem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt, sein Orientierungspunkt in der Familie neben seinen Geschwistern konnte nur die Mutter sein. Diese Bindung zeigte sich in Barlachs späteren Leben in der Weise, dass er oder die Mutter durch den gemeinsamen Wohnort Nähe suchten, so in Friedrichroda, auch in Güstrow. Dennoch schien seine Mutter mit ihrem Leben auf Dauer nicht zurecht gekommen zu sein, denn 1920 ertränkte sie sich im Schweriner See. In Ein selbsterzähltes Leben gelangte Ernst Barlach unter dem Stichwort Das Haus zu einer Kennzeichnung der Charaktere seiner Eltern:

Mein Vater war ein ziemlich kleiner, scharfer, feuriger, schwarzlockiger Herr, schnell bereit, in allen Dingen Ernst zu machen, und drauf und dran, mich in eine Kadettenanstalt zu tun, als ich seinen Verdacht erregte, es auf einen Taugenichts anzulegen. Diesem Plan widersprach meine Mutter, die niemals müde wurde, meine tausend Ungebärden mit Geduld zu umhegen, üble Vorzeichen mit Glauben zu segnen und Geschehenes auf dem Friedhofe ihres grenzenlosen Vertrauens zu begraben.

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