wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Lübeck (ab 1931) - Teil 2

Ernst Barlach schreibt am 3.10. 1930 aus Güstrow an Carl Georg Heise, den Direktor des Lübecker Museums für Kunst- und Kulturgeschichte. Es geht noch einmal um den “Bettler“:

Lieber Herr Doktor,

... "Nun, also die Bronzefigur des Bettlers beglückt Sie nicht, offen gestanden, ich hatte es im stillen anders gehofft. Ich habe sie zwar noch nicht gesehen, aber sicher gi(e)bt die Bronze den getreueren Widerschein von meiner Hände Arbeit und selbstverständlich ist auch an den Seiten nichts zu – oder weggetan. Es ist eben Nischenfigur, hauptsächlich zu Fassadenwirkung bestimmt, knapp man einer seitlichen Wahrnehmung ausgesetzt. Was Sie als ungünstig im Eindruck tadeln, will ich nicht als gut bezeichnen, aber wohl als zuverlässig, gleichlautend mit dem damals bei mir im Atelier befindlichen Gipsmodell, feststellen...Was heute nicht taugt, taugte schon damals nicht und damit Ihnen sowohl mir die Pein, der bei fortgehender Arbeit vermutlich serienweise eintretenden Enttäuschungen erspart werde, erkläre ich mich bereit, die Arbeit zurückzunehmen, die erhaltene Vorauszahlung zurückzugeben, wonach alsdann das Stück mein freies, nach Belieben tradierendes Eigentum wäre. Nun bitte ich noch, da eine Ausstellung Ihrerseits der Bronze nicht angängig scheint, ein weiteres Interesse daran fortfällt, mir die Bronze nach hier zu senden.... Ich bin der Bedeutung des Schlußsatzes unseres Vertrages inne, es versteht sich also von selbst, dass eine Ausstellung oder Publikation der Arbeit auch Ihre Genehmigung haben muß, die Sie mir gewiß nicht versagen werden, wenn ich für solche Absicht einleuchtende Gründe beibringe. Spüren sie aus meiner Situation nicht einen humoristischen Hauch leise wehen? Sie beabsichtigen schon die erste der Figuren auszustellen und müssen die Gefahr einer möglichen gleichen Absicht bei mir, von der ich nicht einmal eine Andeutung gemacht, mit so ernster Maßregel abschneiden?
... Wenn, wie sie neulich mündlich im Gurdberg (Heidberg?) formulierten, zur gelegentlichen Ausführung einer der weiter geplanten Figuren auch in Bronze, das Einverständnis des Käufers gehören soll, so ist damit die Sache zu meinen Ungunsten vorentschieden, der Käufer wird immer nein sagen.
Schließlich taucht vor meiner Ahnung noch die Wahrscheinlichkeit auf, daß die verschiedenen Käufer zwar nach der Skizze bestellen, aber gegenüber dem Ausfall enttäuscht dastehen und sich so für alle eine unerträgliche Situation gebiert – Der Käufer erwartet eine Museumsarbeit oder sonst ein in Haus und Garten verwendbares Stück – ich habe die (Str.?) der Katharinenfassade im Auge und bin natürlich unbelehrbar und bockbeinig. Vielleicht ist das Uhrwerk d(er) ganzen Angelegenheit zu fein gefügt, als daß es die Probe in der rauhen Wirklichkeit bestände. Jedenfalls bitte ich Sie schon um ein unverhohlenes Wort u(nd) hoffe, Sie sehen die gewünschte Lösung nur wie einen mir als natürlich anzunehmenden Ausweg an.
 
Mit besten Wünschen für den Erfolg
Ihrer Erholungsreise bin ich
Ihr sehrer gebener
EB“ (1, S. 149)

Die Katharinenkirche zu Lübeck mit den drei Nischenfiguren von Ernst Barlach und den sechs Nischenfiguren von Gerhard Marcks am Giebel der Westfassade

l-002_small.jpgBild rechts:  Blick über den Mittelpunkt der Stadt Lübeck mit dem Markt und den von Spitztürmchen behüteten Gebäude-Teilen des Rathauses, vorbei an der durch Größe und Architektur beeindruckenden Kirche St. Marien auf die in nord/östlicher Richtung sichtbare Katharinenkirche (Foto © “HB Verlag, Ostfildern“: aus HB Kunst Führer Lübeck, S. 12/13)

Die Katharinenkirche besteht aus einem langgezogenen, in West/Ost-Richtung verlaufendem Kirchenschiff ohne Turm, aber mit einem Dachreiter. Die Südfront des Gebäudes ist in Höhe des Dachreiters, der auf dem Dach nach dem Prinzip des goldenen Schnittes angebracht ist, von einem Doppelgiebel unterbrochen, die Fassade unterteilend und schmückend zugleich.


Bild links: Blick von Süden in die Königsstraße mit der im Hintergrund befindlichen Katharinenkirche, von einem Gebäude im Vordergrund verdeckt (Foto: Helmut Sturm, Lübeck 25)
Bild rechts:  Blick auf die Fassadengestaltung des Westgiebels der Katharinenkirche in der Königsstraße, Ecke Glockengießerstraße (Foto: Helmut Sturm, Lübeck, 25)

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Carl Georg Heise schrieb im Lübecker Jahrbuch 1930 über die Katharinenkirche:

“Keine Kirche wird heute den Mut finden, eine Darstellung dieses tiefsten und gerade jetzt lebendigsten, zugleich aber ketzerisch freiesten religiösen Urgedankens sich zu bestellen, keine Kirche ist stark dazu – und doch kann nur eine Kirche es sein, mit deren altgeweihter Architektur sich solches Werk zu volkstümlich eindringlicher Wirkung verbinden könnte. Wir haben in Lübeck eine gotische Kirche, künstlerisch höchstens Ranges, die heute keiner religiösen Gemeinschaft  mehr unterstellt ist und doch die ganze Würde eines Gotteshauses sich gewahrt hat: Sankt Katharinen, die einstige Klosterkirche der Franziskaner. Und wie eine Aufforderung, gerade hier das große freireligiöse Bildprogramm unserer Tage zu verwirklichen, bietet die Fassade sechzehn leere Nischen an, für die Aufstellung  einer rhythmisch gebundenen Figurenreihe vorbildlich geeignet.“

16 Figuren zu schaffen, für die in zwei Reihen zu je 8 Nischen übereinander am Giebel der Katharinenkirche in Lübeck angelegt, so lautete im Oktober 1929 der Vorschlag Carl Georg Heises, gerichtet an den Bildhauer Ernst Barlach aus Güstrow. 1931 betraf es nur noch 8 Figuren, die für die untere Nischenreihe der Fassade zu gestalten waren. Ernst Barlach konnte schließlich nur drei Figuren formen. Das Vorhaben, Stifter zu finden, die durch Erhalt eines Zweitgusses einer Figur das Vorhaben hätten finanzieren können, zerschlug sich, obwohl es seit 1930 bereits drei Vormodelle “Der Bettler“, “Der Pilger“ und “Der Gefesselte“ gab. Der persönliche Einsatz Carl Georg Heises für das von Ernst Barlach zu gestaltende Kunstwerk “Die Gemeinschaft der Heiligen“ mit den drei Figuren “Frau im Wind“, “Der Bettler“ und “Der Sänger“ führte nach der Machtübernahme durch die Faschisten zu seiner Entlassung aus dem Amt des Lübecker Museums-Direktors.

1937 wurden Barlachs Figuren durch eine Säuberungskommission beschlagnahmt, gelangten allerdings als Privateigentum von Carl Georg Heise in dessen Hände. Barlachs Figuren überlebten den Bombenkrieg und wurden im Sommer 1947 am ursprünglich vorgesehen Platz der Fassade an der Katharinenkirche aufgestellt.
1949 gab es mit den von Gerhard Marcks geschaffenen weiteren 6 Figuren die ursprünglich geplante Figurenkonstellation, jetzt mit 9 Figuren. Hinzugekommen waren “Schmerzensmann“, “Brandstifter“, “Jungfrau“, “Mutter mit Kinde“, “Kassandra“, “ Prophet“.

Foto-Variationen der Nischen-Figuren von Ernst Barlach und von Gerhard Marcks
(Fotos:Helmut Sturm, Lübeck, 25, 15/11/2008)

Bild links: Katharinenstraße Westfassade mit 3 Barlachfiguren (links) und 6 Marcksfiguren
Bild rechts: Die "Gemeinschaft der Heiligen" von Ernst Barlach: aus ursprünglich 16, dann 8 von Georg Heise in Auftrag gegebenen Figuren gestaltete Ernst Barlach schließlich die 3 Figuren "Frau im Wind", "Der Bettler", "Der Sänger". Diese wurden erstmalig 1947 in den Nischen der Westfassade der Katharinenkirche aufgestellt 

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Fotos der einzelnen Figuren von Ernst Barlach: 
Neben dem linken, über mehrere Etagen verlaufenden dreiteiligen Fensterbänd aus Glas befinden sich in der unteren Nischenreihe Ernst Barlachs Figuren, von links: 

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Bild: 1949 gab es mit den von Gerhard Marcks geschaffenen weiteren 6 Figuren die ursprünglich geplante Figurenkonstellation, jetzt mit 9 Figuren. Zwischen den zwei Fensterbändern ist die erste Figur von Gerhard Marcks   "Schmerzensmann" zu sehen. Es folgen nach dem rechten Fensterband die weiteren 5 Figuren von Marcks: "Brandstifter", "Jungfrau", "Mutter mit Kinde", "Kassandra", "Prophet".

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Anmerkung zum Namen "Kassandra": Laut griechischer Sage war Kassandra die Tochter des Königs Priamos von Troja und der Hebake. Sie prohezeite den Untergang Trojas.

Anmerkung zum Namen "Prophet": Propheten (griechisch) waren Seher, Künder, Ekstatiker, galten in Religionen als Übermittler des Willens der Gottheit, vgl. auch die Propheten des Alten Testaments (u.a. Jesaja, Jeremia, Hesekiel...).

Bild: Übersichtsplan der Lübecker Altstadt-Insel mit den wichtigsten Straßen und den bedeutenden historischen Gebäuden

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Foto-Variationen zur Lübecker Altstadt-Insel

(Fotos, wenn nicht anders bezeichnet: Helmut Sturm, Lübeck, 25, 15/11/2008)  
Die oval geformte Altstadt Lübeck ist von Teilen des Flusses Trave umgeben. Sie teilt sich im Süden der Altstadt und fließt im östlichen Bogen als Kanaltrave Richtung Norden, überquert von Mühlenbrücke, Rehderbrücke und Hüxtertorbrücke, setzt sich als Klughafen fort bis zur Burgtorbrücke und vereinigt sich mit dem Westarm der Trave zum Burgtorhafen. Die Westseite der Altstadt wird von zwei Wasser-Armen umflossen, der stadtnahe Arm nennt sich im Süden Stadt-Trave etwa bis in Höhe der Holstenbrücke nahe dem Holstentor und fließt weiter nach Norden als Holstenhafen, ab Drehbrücke als Hansahafen. Im Gegensatz zur Ostseite der Insel befindet sich im Westen der Stadt eine komplette Bebauung der Uferstraßen, die im Süden “An der Obertrave“ und weiter nördlich “An der Untertrave“ heißen (siehe auch Übersichtsplan).

Bild links: Blick über das Wasser zum Dom (Foto © “HB Verlag, Ostfildern“, aus HB Kunst Führer Lübeck, S. 28/29)
Bild mitte: Der Lübecker Dom mit seinen Türmen und dem Kirchenschiff
Bild rechts: Blick auf den Dom mit seinen Türmen, dem Kirchenschiff und dem der Stadt zugewandten Domeingang, der nördlichen Vorhalle, “Paradies“ genannt

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Zur Entstehung des Lübecker Doms

Der Lübecker Dom ist die Bischofskirche der Stadt. Romanik und Gotik sind die den Dom prägenden Baustile. In Konkurrenz zur Marienkirche im Zentrum der Stadt beeindruckt das Kirchenschiff des Domes durch seine große Länge. Nachdem  Heinrich der Löwe den Bischofssitz etwa Mitte des zwölften Jahrhunderts in das sich entwickelnde Lübeck verlegt hatte, wurde 1173 von ihm im Süden der Altstadt der Grundstein des Domes gelegt. Betritt man den Dom durch die nördliche Vorhalle des Domes, so trifft man links im Zentrum des Mittelschiffs auf den Lettner und rechts auf das 17 Meter hohe, den Kirchenraum ausfüllende Triumphkreuz aus dem Jahre 1477. Der sich heutzutage in seiner architektonischen Größe zeigende Dom wurde im II. Weltkrieg frühzeitig (1942) durch einen Bombenangriff beschädigt und brannte aus. Aufgetretene Schäden an der Ruine in den Jahren nach dem Krieg führten zu weiteren Zerstörungen, vor allem am Nordgiebel des Querhauses mit der als “Paradies“ bezeichneten Vorhalle. Die später folgenden Wiederaufbau-Bemühungen konnten mit der Fertigstellung des Domeingangs “Paradies“ 1982 endlich abgeschlossen werden.
Als Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen des Verbandes Deutscher Schulmusiker und damit als Gast der 9. Bundesbegegnung Schulen musizieren vom 24. bis 28. Mai 1997 in Lübeck weilte ich während eines Konzertabends im Dom und erlebte das Solospiel eines Geigers, vor dem Triumphkreuz stehend. Er spielte vor unzähligen jungen, musikalisch befähigten Schülern, die als Mitglieder von Chören oder von Instrumentalgruppen aus den einzelnen Bundesländern zur Bundesbegegnung delegiert worden waren. Es erklang die Ciaccona aus der Partita Nr. 2, d-Moll für Solo-Violine von Johann Sebastian Bach. Ein beeindruckend tiefes Erlebnis bei den vielen jungen Zuhörern, die dem Spiel einer einzigen Violine über etwa 18 Minuten lang still lauschten, um dann am Schluss tobend zu applaudieren.

Die Hansestadt Lübeck war eine reiche Stadt, die sich gegen Angriffe von außen durch das sie umgebende Wasser der Trave schützte, aber ebenso auch durch Stadttore, imposant das im Westen vor der Trave und der Altstadt befindliche Holstentor.

Vom westlichen Umland auf Lübeck zufahrend, die Grünanlagen passierend, fährt man am Wahrzeichen Lübecks, dem Holstentor, und an den alten Salzspeichern vorbei über die Holstentorbrücke, auf der Holstenstraße entlang in die Altstadt.

Bild: Blick aus Richtung Altstadt auf die Ostseite/Stadtseite des Holstentores mit der Inschrift: 1477 -Wappen- S.P. Q. L. -Wappen- 1871

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Erläuterung der Inschrift:
   S.P.Q.L. = Senatus populusque Romanus = Senat und Volk Roms (aus dem Jahre 1871)


Die Jahreszahl 1477 ist vermutlich das Datum der Erbauung des Tores, die Jahreszahl 1871 bedeutet die Restaurierung des Tores bzw. das Jahr der Gründung des Deutschen Reiches.

Hinweis zum Tor der Ostseite/Stadtseite:
Beide Türme sind mit dem Mittelbau so vereint, dass die Gesamtanlage des Tores eine Einheit in der Fassadengestaltung darstellt. Die Stadtseite weist viele Schmuckelemente in der Fenstergestaltung und im Giebel des Mittelbaus mit den drei Türmchen auf.

Bild: Durchblick von der Westseite/Feldseite des Holstentores in Richtung Altstadt mit der Inschrift: Concordia Domi Foris Pax

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Erläuterung der Inschrift:
   Concordia Domi Foris Pax = Eintracht innen, draußen Friede


Hinweis zum Tor der Westseite/Feldseite:

Als Garantie erfolgreicher Abwehr feindlicher Angriffe ist diese Torfassade zweckdienlicher gestaltet. Es gibt nur wenige und kleine Fenster im Mittelbau, dafür unter diesen eine Reihe von Schießscharten. Die Türme der Westseite/Feldseite sind nicht in die Gesamtfassade integriert, sie stehen hier halbkreisförmig vor, sie wirken wie selbständige Wehrtürme, an den Mittelbau angelehnt. Einzig in der 3. Etage gibt es vereinzelt Fenster und Scharten.

Bild links: die alten Salzspeicher, dahinter die Spitzen der Kegeltürme des Holstentores
Bild mitte: Häuserzeile an der Uferstraße
Bild rechts: “Malerwinkel“, Häuserzeile an der Uferstraße, dahinter die Turmspitzen des Domes

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Im West- und Ostteil der Altstadt nördlich von St. Marien und dem Markt befinden sich auswählend Vorzeigestätten der Architektur, das Stadttheater, das Buddenbrookhaus und das Heiligen- Geist- Hospital

Bild: Das Stadttheater in der Beckergrube (Foto © “HB Verlag, Ostfildern“, aus HB Kunst Führer Lübeck, S. 26)

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Mit seiner beeindruckenden Jugendstil-Fassade und der Inschrift: “Dem Wahren, Guten, Schönen“ zeigt sich das seit 1908 von Professor Dülfers, Dresden gebaute Stadttheater. An der Hauptfassade ist sowohl figürlicher als auch ornamentaler Schmuck zu finden.


Bild links: Das Buddenbrookhaus in der Mengstraße 4 mit dem Hinweis-Rahmen auf die 250-jährige Existenz des Hauses
Bild recht: Das Buddenbrookhaus mit der Inschrift über dem Portal: Anno Dominus providebit 1758 = im Jahre 1758: Der Herr wird vorsorgen

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Das Buddenbrookhaus als “Heinrich- und- Thomas- Mann“- Zentrum in Lübeck ist seit 1989 eine Gedenkstätte. Hier befinden sich auch die “Thomas Mann- Gesellschaft“, die “Heinrich Mann- Gesellschaft“ sowie die “Erich Mühsam- Gesellschaft“.  

Das Buddenbrookhaus steht genau gegenüber der Kirche St. Marien. Der Familie Johann Michael Croll gehörte seit 1758 dieses Haus in der Mengstraße 4. 1842 verkaufte ein Nachfahre der Familie Croll das Haus an Johann Siegmund Mann. Dessen Sohn übernahm das Handelsgeschäft seines Vaters nach dessen Tod 1863. Das Haus in der Mengstraße blieb nach Auslagerung des Firmensitzes das Wohnhaus  
der Eltern, sie waren die Großeltern von Thomas Mann. Die Großmutter, “Konsulin“ Elisabeth Mann lebte bis 1890 im Buddenbrookhaus. Als 1942 Bombenangriffe große Teile der Lübecker Altstadt zerstörten, traf das Schicksal der Vernichtung auch das Buddenbrookhaus. 15 Jahre später entstand das Mann-Haus wieder im Original. Am 6. Mai 1993 wurde in einem Festakt das “Heinrich“- und “Thomas- Mann“ -Zentrum in der Mengstr. 4 eingeweiht. Das geschah 90 Jahre nach dem Erscheinen des Romans von Thomas Mann “Die Buddenbrooks“. Seit 2000 gibt es im Buddenbrookhaus zwei neue Dauerausstellungen: “Die Manns – eine Schriftstellerfamilie“ und “Die Buddenbrooks – ein Jahrhundertroman“. 

Das Burgtor und das Heiligen-Geist-Hospital im Norden der Altstadt von Lübeck

Bild: Das Burgtor im Norden Lübecks (Foto © “HB Verlag, Ostfildern“ aus HB Kunst Führer Lübeck, S. 47)

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Das Burgtor wurde 1444 im spätgotischen Stil erbaut. Im 19. und 20. Jahrhundert erfolgten Erweiterungen des Burgtores zu heute vier Durchgängen. Das Burgtor von heute war das innere von früher drei hintereinander angeordnet existierenden Toren. Dieser starke Ausbau der Befestigungsanlagen war dadurch bestimmt, dass das Burgtor an dieser Stelle als einziger Landzugang existierte, der in die Große Burgstraße und weiter in die Innenstadt führte. Über diesen damalig einzigen Landzugang in die Stadt stürmten 1806 die Franzosen die Stadt Lübeck. Eine Gedenktafel am Burgtor erinnert an die Zeit der Besetzung der Stadt durch die Franzosen.
Erst durch den Bau des Elbe-Lübeck-Kanals wurde die Landzunge durchstochen und durch die Burgtorbrücke ersetzt. Das Burgtor diente im 20. Jahrhundert nach Verlust der Verteidigungsfunktion hochgestellten Persönlichkeiten der Stadt zu Wohnzwecken: Die Schriftstellerin Ida Boy-Ed erhielt 1912 vom Senat lebenslanges Wohnrecht im Burgtor, das sie bis zu ihrem Tod 1928 nutzen konnte. Der Museumsdirektor Carl Georg Heise, der Förderer des Bildhauers Ernst Barlach, wohnte nach dem Tod der Schriftstellerin bis zur Entlassung aus seinem Dienst als Museumsdirektor durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 in diesem Tor. Von 1934 bis 1990 diente das Burgtor der Handweb- und Stickermeisterin Alen Müller-Hellwig als Arbeits- und Wohnstätte.

Bild: Das “Heiligen-Geist-Hospital“ am Koberg im Nord-Westen der Altstadt-Insel von Lübeck

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Das heute noch existierende und zu Teilen als Alten- und Pflegeheim genutzte Gebäude entstand im Jahre 1286 am Koberg. Es gehört zu den ältesten und bedeutendsten Bauwerken der Stadt Lübeck, als Sozialeinrichtung zählt das „Heiligen-Geist-Hospital“ in dieser Funktion zu den ältesten Gebäuden der Welt.
Der Lübecker Kaufmann Bertram Morneweg, zeitweilig in Riga lebend und Handel treibend, war mit anderen Kaufleuten Mitbegründer, er selbst auch Vorsteher dieses Hospitals. Der Reichtum des Hospitals zur Versorgung der armen und kranken Bürger erwuchs aus den Möglichkeiten der Erwirtschaftung für den Lebensunterhalt durch den Besitz vieler Ländereien. Die damalige Unterbringung der Bewohner ist mit heutigen Verhältnissen nicht vergleichbar. Ursprünglich standen die Betten der Bewohner in einer Halle. Anfang des 19.Jahrhunerts war ein Fortschritt der Gestalt zu verzeichnen, dass kleinere hölzerne Kammern gebaut worden sind, jetzt auch nach Geschlechtern getrennt.
Heute ist das “Heiligen-Geist-Hospital“ eine Stiftung des öffentlichen Rechts und wird von der Stadt Lübeck treuhänderisch verwaltet.

Lübecks Bauspezifik in Form von Gängen und Höfen

Zwischen fast parallel verlaufenden Straßen im Osten der Stadt, der Königsstraße und Langer Lohberg, in Nord-Süd-Richtung begrenzt durch die Gr. Gröpelgrube und die Aegidienstraße  können Besucher der Stadt eine einmalige bauliche Gestaltungsweise entdecken, die von Nord nach Süd östlich der Königsstraße und westlich der Breiten Straße als eine Innengestaltung von durch Straßenkreuzungen entstandenen Gängen und Höfen etabliert sind, die jeweils einen Namen tragen, z.B.: Glandorps Hof/Gang, Haasen-Hof, Bäcker-Gang, Schulmeister-Gang.

Bild: Glandorps Gang/Hof (Foto © “HB Verlag, Osterfilden“, aus HB Kunst Führer Lübeck, S. 34/35)

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Ab dem 15. Jahrhundert wurden die Innenflächen zwischen den Straßen durch Gänge und Höfe erschlossen. Den Zugang zu den Behausungen des Karrées erhielt man über das Vorderhaus. Reiche Bürger zeigten sich als Stifter und gaben den Gängen und Höfen ihren Namen. So ließ Johann Glandorp mit seiner Frau im Jahre 1609 in der Glockengießerstraße nahe der Katharinenkirche den mit ihren Namen versehenen Gang und Hof bauen. Der Haasenhof , der sich von der Dr.- Julius- Leber-Straße aus auftut, gehörte einer Weinhändlerwitwe. Man sagt, 13 Frauen – alles Witwen – seien die ersten Bewohner gewesen.

Bild: Der Haasenhof (Foto © “HB verlag, Osterfilden“, aus HB Kunst Führer Lübeck, S. 38/39)

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Die Kirche St. Marien und das Rathaus als Zentren kirchlicher und weltlicher Macht  der Stadt Lübeck

Mit den Standorten von Marienkirche und Rathaus in unmittelbarer Nähe ist die  Nachbarschaft im geistlichen und weltlichen Wirken des Rates und der Bürger der Hansestadt visuell verdeutlicht. St. Marien ist die Hauptpfarrkirche der Stadt und dokumentiert ihre Vormachtstellung gegenüber der romanischen Bischofkirche, dem Dom, durch uneinholbare Größe.

St. Marien gilt als Mutterkirche der norddeutschen Backsteingotik.

Diese Kirche war Vorbild für viele Kirchen desselben Stils im Ostseeraum, wie die Nikolaikirche in Stralsund. Vor der Verleihung der Reichsfreiheit der Stadt Lübeck im Jahre 1226 wurde mit dem Bau der Marienkirche begonnen, über 100 Jahre später, als sich die Hanse in ihrer Organisation zu einem Höhepunkt herauskristallisiert  hatte, war der Bau von St, Marien vollendet worden. Die Lübecker Marienkirche ist eine dreischiffige Basilika mit einem 38,5 Meter hohen Hauptschiff und den zwei Seitenschiffen, darüber sind Streben als Verbindung zum Hauptschiff gebaut. Vor den Seitenschiffen befinden sich Einsatzkapellen, die etwa von Mitte bis Ende des 14. Jahrhunderts vor die Seitenschiffe gesetzt worden sind: im Süden nahe dem Turm die Briefkapelle (2) – sie war sowohl Vorhalle als auch Kapelle und bildete den zweiten Eingang in die Kirche, hier war der Platz für die öffentlichen Schreiber. - , in Richtung Osten die Südervorhalle (1) als Haupteingang in die Kirche und nachfolgend die Bürgermeisterkapelle (13). Hier wurde immer der neugewählte Rat der Stadt in sein Amt eingeführt. An der Nordseite des Seitenschiffs befindet sich die
Totentanzkapelle (5). Hier hing einst der berühmte Totentanzfries von B. Nolte, er war entstanden anlässlich der schlimmen Pestepidemien von 1463. Den Abschluss des Gebäudes im Osten als Chorumgang bildet die Marientidenkapelle (11) aus dem Jahre 1444. Hier wurden als Teil der Marienverehrung die Stundengebete als Marienzeiten (mittelniederdeutsch: Marientiden) gesungen. Mit der Fertigstellung dieser Kapelle war die Marienkirche äußerlich vollendet.

Foto 001: Grundriß der Marienkirche mit ausgewählten Standorten -- fehlt noch!

In der Nacht vom 28. zum 29. März (Palmsonntag) 1942 brannte die Marienkirche wie auch andere Kirchen und Gebäude der Stadt während des Luftangriffs. Ein Fünftel der Innenstadt wurde dabei zerstört. 1947 begann man mit dem Wiederaufbau der Kirche, der nach zwölf Jahren abgeschlossen werden konnte.

Bild links: Sicht auf die Nordseite  der Marienkirche mit der Totentanzkapelle im Vordergrund
Bild mitte: Sicht auf die Südseite der Marienkirche mit der Südervorhalle, dem Haupteingang
Bild rechts: Blick hinter das Holstentor auf die Marienkirche links im Hintergrund und auf die Petrikirche rechts im Hintergrund

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Das Lübecker Rathaus - Würde und Pracht einer reichen Hansestadt

Der über einen großen Zeitraum in Etappen gestaltete Gebäude – Komplex des Lübecker Rathauses war immer der Sitz der Lübecker Ratsherren, die im Stadtparlament bzw. in der Stadtverwaltung ihre Dienstleistungen ausübten zum Wohle der Stadt. Der Lübecker Rat, später Senat genannt, war die Regierung und bis 1864 auch die gerichtliche Instanz für die Stadt Lübeck. Lübecks Rathaus – Ensemble war immer Ausdruck einer freien Reichsstadt, nur dem Kaiser unterstellt, und ebenso das Zentrum der Hanse.
Um 1230 wurde an der Nord-Ost-Ecke des Marktes, angrenzend an den Marien-Kirchhof,  das relativ großzügige Gebäude eines „ersten“ Rathauses gebaut. Hier hatten auch die Kaufleute und Handwerker (Tuchhändler, Gewandschneider) ihren Sitz.

Bild: Blick über den Markt auf das Gebäude-Ensemble des Lübecker Rathauses
Grundriß des Rathaus – Komplexes --  - fehlt noch!

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Ein Blick von heute über den Markt zeigt den Gebäude - Komplex des Rathauses in seinen Wachstumsphasen. Mitte des 13. Jahrhunderts erhielt das Rathaus an der Südseite / Marktseite eine neue Fassade mit Stift-Türmen als Kennzeichen öffentlicher Gebäude (1). Der Renaissance - Laubenbau wurde an die Südfassade 1571 angebaut. An der Ostseite befindet sich die Vorhalle zum Haupteingang des Rathauses (4), von der Breiten Straße kommend. Ein weiteres Schmuckstück dieser Ostfassade stellt der Renaissance – Erker(3) dar, der sich an der Verbindung von der Südfassade des Rathauses und dem Langen Haus befindet, im Erdgeschoß gibt es an dieser Stelle einen Durchgang zum Markt.

Bild: Blick auf den Renaissance - Laubenbau aus dem Jahre 1571 mit der Schildwand dahinter und der Marienkirche links hinter dem Rathaus

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Im rechten Winkel zur Südfront des Rathauses steht das „Lange Haus“ aus den Jahren um 1300.

Diesem Gebäude folgt 150 Jahre später (um 1442 /1444) der „Kriegsstubenbau“. Der prächtige Giebel dieses zuletzt gebauten Rathaus-Teiles beeindruckt mit von Stifttürmen begrenzten Feldern: über der zweiten Etage befindet sich eine Reihe von je zwei Wappen, es folgen nach oben paarig gestaltete Fenster, darüber Rund-Öffnungen. Das Symbol für Offenheit und Öffentlichkeit eines Rathauses spiegelt sich in den Arkaden aller drei Frontseiten der Rathausteile wider.

Bild links: erweiterter Blick auf das Gebäude-Rechteck mit dem Langen Haus und dem Kriegsstubenbau
Bild rechts: Seitenansicht des Mauer-Werkes zweier Etagen des Langen Hauses und des Kriegsstubenbaus

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Das wohl beeindruckendste bauliche Element befindet sich an der Ostfassade des Kriegsstubenbaus, die Renaissance – Prunktreppe(2) aus dem Jahre 1594.

Bild links: Frontansicht der Renaissance-Prunktreppe an der Ostseite des Kriegsstubenbaus und an der Breiten Straße
Bild rechts: Giebelwand der Ostfassade des Kriegsstubenbaus oberhalb der Renaissance–Prunktreppe in ähnlicher Gestaltungsweise wie die Westseite/Marktseite des Gebäudes

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