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Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Leidenszeit im Nationalsozialismus - Teil 2

1933:

23. Januar, 2.10 Uhr: In der Reihe "Künstler der Zeit’’ hält Ernst Barlach im Deutschlandsender einen mutigen Vortrag, u.a. kritisiert Barlach, kaum noch verhüllend, den nationalsozialistischen Terror in allen seinen Abstufungen:

"Erniedrigend ist beides, das Schweigen sowie die Erzwingung des Schweigens. Wenn ein Künstler etwa nicht gestalten darf, weil die Verwirklichung seines glühenden Wunsches von dem weltanschaulichen Katechismus der Entscheidungsinstanzen im weit und breiten Feld nicht zugelassen wird, so muss als nebenbei erniedrigend heißen, dass keinerlei Gültigkeit seines Wahns vom Wert seiner Leistung aus Selbstverstand besteht".

Er beklagt, dass sich die Zeit im Erdrosseln des Atems ergehe und stellt fest:

"Die Legende von der Gedankenfreiheit, die einmal immerhin kniefällig erbeten werden dürfte, ist eine umstürzlerische, ja landesverräterische Ehemaligkeit geworden, von der man besser nicht spricht. Von den mancherlei Registern unserer Orgel sind die meisten plombiert oder verstopft" (3, S. 229).

30. Januar: Reichspräsident von Hindenburg ernennt Adolf Hitler zum Reichskanzler ("Machtübernahme")

Ende Februar: Barlach wird mit der Friedensklasse des Ordens "Pour le mérite" ausgezeichnet.

5. März: Bei den Reichstagswahlen kommt die NSDAP auf 288 Mandate und hat nun zusammen mit 52 Mandaten von Hugenbergs Kampffront Schwarz-Weiß-Rot die absolute Mehrheit.

18. März: Erster Antrag der Domgemeinde auf Entfernung des Magdeburger Ehrenmals.

18. März: Ernst Barlach zieht seine Bewerbung um das Stralsunder Ehrenmal zurück, "um größerem Ungemach zu entgehen".

23. März: Mit dem "Ermächtigungsgesetz" überträgt der Reichstag der Reichsregierung die zeitlich befristete Vollmacht, Gesetze zu erlassen.

7. April: Mit dem Gesetz zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" bekommt die Reichsregierung die Vollmacht, jüdische und andere unliebsame Funktionsträger des öffentlichen Dienstes (Museumsdirektoren, Kunsthochschulprofessoren u.a.) zu entlassen.

1. Juni: Eröffnung der Weltausstellung in Chicago, wo auf Vorschlag des Auswärtigen Amtes zwei Hauptwerke Barlachs gezeigt werden.

23. Juni: Zweiter Antrag der Domgemeinde von Magdeburg auf Entfernung des Magdeburger Ehrenmals.

1. September,  Reichsparteitag in Nürnberg: Adolf Hitler sagt der modernen Kunst den Kampf an, indem er unter dem Motto "Die deutsche Kunst als stolzeste Verteidigung des deutschen Volkes" die künftigen Grundsätze und Rahmenbedingungen für eine "neue deutsche Kunst" vorstellt, vgl.: 7, S. 83, in Auszügen:

1. Kunst ist keine Frage der Ästhetik, sondern eine Frage der Rasse...allein die Zugehörigkeit des Künstlers zu seiner Rasse geben den Kunstwerken ihre gültige Form, ihren gültigen Ausdruck, ihren Ewigkeitswert...

2. ist die deutsche Kunst Seelenausdruck der ‚arisch-nordischen Rasse’, ihr naturgegebenes Leitbild der ‚arisch-nordische Mensch’. Der ‚arisch-nordische Mensch’ aber ist in seinem Wesenskern ein heldischer Mensch. Deshalb trägt echte deutsche Kunst stets den Charakter des Heldischen.

3. Die sogenannten 'modernen Künstler’, die die Kunst als ästhetisches Experiment missverstehen, zeigen in ihren Werken Zerrbilder vom Menschen und Perversionen gesunden menschlichen Empfindens. Mit ihren 'bewussten Verrücktheiten’ bedrohen diese 'Charlatans’ und 'Gaukler’ die seelische Gesundheit des deutschen Volks...

4. Es ist sinn- und zwecklos, moderne Künstler zur Umkehr aufzufordern, denn diese Künstler konnten ja nur deshalb modern werden, weil sie einen 'moralischen Defekt’ haben...

5. Der Nationalsozialismus hat die 'heilige Mission’, die Rassereinheit und damit die geistige Gesundheit des deutschen Volks zu bewahren und zu verbessern. Deshalb wird die politische Führung stofflich und tatsächlich die Voraussetzungen liefern müssen für das Wirken der Kunst".

In der Folgezeit gibt es sichtbare Zeichen, dass Hitlers Rede buchstabengerecht von Funktionsträgern in allen Bereichen der Kultur und Kunst umgesetzt wird. Davon ist im besonderen Ernst Barlach betroffen.

22. September: Das Reichskulturkammergesetz zwingt alle deutschen Künstler zur Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer.

27. September: Der Lübecker Museumsdirektor Carl Georg Heise scheidet aus dem Amt. Damit bleibt mit nur drei ausgeführten Figuren ("Frau im Wind", "Der Bettler", "Der Sänger") das Großprojekt der "Gemeinschaft der Heiligen" Fragment.

Oktober: Liquidation der Galerien von Barlachs jüdischem Kunsthändler Alfred Flechtheim.

26. November: Eine Barlach-Matinee am Schweriner Stadttheater wird ohne Begründung abgesagt.

1934:

17. Januar: Der "niederdeutsche Beobachter", das Organ des Reichsstatthalters von Mecklenburg und Lübeck veröffentlicht einen Angriff gegen den Künstler Barlach im Zusammenhang mit einem Artikel von Friedrich Dross, der darin die Verdächtigungen, Barlach sei Jude, durch akribische Untersuchungen exakt widerlegen konnte.

21. Januar: Vor der Eröffnung der Rostocker Ausstellung "Das Bildnis von Mecklenburg von etwa 1850 bis zur Gegenwart" im Kunstmuseum werden alle bereits ausgestellten Werke Barlachs wieder entfernt, und das, obwohl die Ausstellungsleitung seine Teilnahme ausdrücklich erbeten hatte. Der sehr verletzte Künstler Barlach wendet sich in einem Schreiben an den Reichsstatthalter, dieser antwortet zwar, allerdings ebenso scheinheilig wie herablassend.

Ende August: Mit dem Zigaretten-Fabrikanten Hermann F. Reemtsma hat sich ein Interessent gefunden, der Barlachsche Kunst kaufen möchte. Er erteilt Ernst Barlach den Auftrag, für ihn den "Fries der Lauschenden" zu vollenden.

24. September: Die Reichsregierung lässt Barlachs Magdeburger Ehrenmal entfernen und in der Berliner Nationalgalerie aufbewahren.

1935, "das mörderische Jahr" (nach Barlach)

5. Juni: Ernst Barlachs Drama "Die echten Sedemunds" wird nach großem Premieren-Erfolg am Altonaer Stadttheater abgesetzt. Der Entwurf für das Grabmal Däubler wird von der Reichsschrifttumskammer abgelehnt.

Oktober: Im Reinhard Piper-Verlag München erscheint das Buch "Ernst-Barlach-Zeichnungen".

24. November: Die vollständige Figurenreihe "Fries der Lauschenden" wird Hermann F. Reemtsma von Ernst Barlach im Atelierhaus Güstrow übergeben.

1936: 

24. März: Nach 5 Monaten, seit dem Erscheinen des Buches "Ernst-Barlach-Zeichnungen" erfolgt die Beschlagnahme-Verfügung für dieses Buch durch die Bayerische Politische Polizei. Als "Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung" wird es beschlagnahmt und später vernichtet. Joseph Goebbels äußerte sein Entsetzen über Barlachs Zeichnungen:

"Ein tolles Buch von Barlach verboten. Das ist keine Kunst mehr. Das ist Destruktion, ungekonnte Mache. Scheußlich! Dieses Gift darf nicht ins Volk hinein" (7, S. 85).

Über das Verbot erfolgt in der Presse nur eine kurze Mitteilung, das deutsche Reich befindet sich ja wenige Monate vor der Eröffnung der Olympischen Spiele vom 1. bis 16. August in Berlin. Ernst Barlach wird Ehrenmitglied der Wiener Secession und des Künstlerverbandes österreichischer Bildhauer der Wiener Akademie.

9. September, Nürnberger Reichsparteitag: Hitler verkündet "Das Ende der bolschewistischen Kunstvernarrung".

5. November: Entfernung der ausgestellten Werke Ernst Barlachs, Lehmbrucks und Kollwitz’ aus der Jubiläumsausstellung "Berliner Bildhauer von Schlüter bis zur Gegenwart" der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Ernst Barlach arbeitet am Roman "Der gestohlene Mond".

1937, "das schlimme Jahr" (nach Barlach)

30. März: Die Reichsstelle für Sippenforschung bestätigt Barlachs reindeutsche ("arische") Abstammung.

20. April: Abbruch des Kieler "Geistkämpfers" und vorübergehende Aufbewahrung im Thaulow-Museum Kiel.

27. Juni: Zwangsschließung der letzten Ausstellung mit Werken von Ernst Barlach in der Berliner Galerie Karl Buchholz.

11. Juli: Ernst Barlach erklärt seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste.

Sein Telegramm hatte folgenden Inhalt:

bitte von dem entschluss meine mitgliedschaft an der akademie der kuenste niederzulegen kenntnis zu nehmen.

Vorausgegangen ist ein Prozess der "Selbstreinigung", bei dem der Präsident der Akademie angewiesen wurde, unliebsame Mitglieder zum "freiwilligen" Ausscheiden zu bewegen. Im Zusammenhang mit einer Neuordnung und einer neuen Zusammensetzung der Mitglieder der Akademie wird ein Schreiben abgesandt:

 "...nach den zugegangenen Informationen ist nicht zu erwarten, dass Sie weiter zu den Mitgliedern der Akademie zählen werden. Ich möchte Ihnen in Ihrem Interesse nahe legen, möglichst sofort selbst Ihren Austritt aus der Akademie zu erklären".

16. Juli: In München beginnt eine viertägige Großveranstaltung mit dem Höhepunkt: "Tag der deutschen Kunst".

18. Juli: Das "Haus der deutschen Kunst" wird eingeweiht. Im gleichen Atemzug eröffnet die Ausstellung "Entartete Kunst" mit 600 Werken von 110 "bolschewistischen Künstlern". Ernst Barlach ist mit zwei Werken vertreten: "Ernst-Barlach-Zeichnungen" und "Das Wiedersehen".

29./30. Juli: Aus dem Nachlass stammt ein Dossier:"Als ich vom Verbot der Berufsausübung bedroht war":

"Ich erfahre ... eine Ausgestoßenheit, die der Preisgabe an Vernichtung gleichkommt. Das Verdikt ... bedeutet Verurteilung zur Absperrung meines persönlichen Daseins von allen bisherigen Lebensvoraussetzungen ... Diese mir zugedachte Erdrosselung umgeht nur jene andre der echten Garrottierung ..." (7, S. 88)

23. August: Der Schweriner Oberkirchenrat lässt gegen den Protest von Domprediger Schwartzkopff den "Güstrower Engel" abhängen und zur späteren Verschrottung abtransportieren.

Das schlimme Jahr 1937 hat Ernst Barlachs Kräfte fast völlig aufgebraucht, er steht vor dem drohenden Zusammenbruch: entsetzliche Schwäche, Anfälle, Schweißausbrüche, Schwindel, schlimmer Husten und Herzjagen, Zittern der Hände. Grenzenlose Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sind die ständigen Begleiter seiner letzen Monate dieses leidvollen Lebens, das aber, auf sein künstlerisches Schaffen bezogen, so bedeutsam war.

1938:

21. Januar: Das letzte Jahr seines Lebens beginnt mit einer weiteren Hiobsbotschaft: Der Hamburger Senat kündigt die Zerstörung des Barlach-Reliefs am Hamburger Ehrenmal an. Die eigentliche Zerstörung erlebt Ernst Barlach nicht mehr, im Februar 1939 fällt auch dieses bedeutende Relief dem Terror der Nationalsozialisten zum Opfer, indem das Relief aus der Stele herausgemeißelt wird und anschließend zerstört wird.

Ende September: Der schwerkranke Künstler Barlach wird nach Rostock in die Privatklinik St. Georg gebracht. Marga Böhmer, seine Lebensgefährtin, die ein wenig Licht in die letzten Jahre seines Lebens gebracht hatte, wacht Tag und Nacht an seinem Krankenbett, das auch sein Sterbebett wird.

097_small.jpg056_small.jpg088_small.jpgBild links: Privatklinik von Prof. Ganter in Rostock. Hier starb Ernst Barlach (89: 1, S. 185, 26)

2. Oktober: Marga Böhmer zeichnet Ernst Barlach in seinem Krankenbett, ein ergreifendes Porträt des Todkranken.

Bild mitte: Marga Böhmer zeichnete Ernst Barlach am 2. Oktober 1938 im Krankenbett (89a: 7, S. 89, 26)

Bild: Das letzte Foto von Ernst Barlach 1938 (fehlt noch)

24. Oktober: Ernst Barlach wird von seinen Qualen erlöst, er schließt für immer die Augen.

Bild rechts: Todesanzeige (Nr. 90: 3, S. 291, 26)

27. Oktober: Die Trauerfeier findet in seinem Atelier statt, über dem offenen Sarg schwebt der Kopf des Güstrower "Dom-Engels", Käthe Kollwitz ist unter den Trauergästen, auch sie zeichnet noch ein Bild von ihm. Pastor Schwartzkopff, ein treuer und mutiger Begleiter des Künstlers in seinen Schaffens- und Leidensjahren, liest aus den Klageliedern Jeremias. Es werden Gedenkworte gesagt, es erklingt Musik von Beethoven, von Bruckner, seinem Lieblingskomponisten.

28. Oktober: Barlachs letzter Wunsch war es, nicht in Güstrow begraben zu werden, wo man ihn kaum verstanden hat, wenig geschätzt hat, seelisch gepeinigt hat, sondern im Grab seines Vaters auf dem Friedhof an der Seedorfer Straße in Ratzeburg. Sein Grabstein schmücken die Worte:

Ernst Barlach
geboren in Wedel
02.01.1870
gestorben in Rostock
24.10.1938

Unter den Trauergästen auf dem Ratzeburger Friedhof hatten sich eingefunden: Karl Schmidt-Rottluff, Georg Kolbe, Carl Georg Heise, Fritz Schumacher, Friedrich Düsel, Hermann F. Reemtsma, Käthe Kollwitz, Friedrich Schult, Marga und Bernhard Böhmer.

Ernst Barlachs Sohn Nikolaus Barlach hat 1951 das Grab zu einer Familien-Grabstätte umgestalten lassen. Neben der Grabanlage steht übergroß "Der Sänger" aus der "Gemeinschaft der Heiligen". Im Familiengrab ruhen nun in Frieden:

Barlachs Vater, Dr. Georg, Gottlieb Barlach, sein Sohn, der Bildhauer Ernst Barlach, dessen Lieblingsbruder Hans Barlach, Ernst Barlachs Sohn Nikolaus Barlach und dessen Frau und - anonym - die Lebensgefährtin des Künstlers Marga Böhmer.

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