wege zu barlach

Ernst Barlach · 1870–1938
Bildhauer · Zeichner · Grafiker · Schriftsteller

Paris (1895/1896/1897) - Teil 2

Hôtel de Ville, 4, place de l’hôtel-de-Ville, 75004 Paris
Tel.: 42765049

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Auf der gegenüber liegenden Straßenseite mit der Hausnummer 151 befindet sich ebenfalls noch heute die Brasserie Lipp (151, Boulevard St.-Germain ) . Ein Flüchtling aus dem Elsass hatte diese Brasserie – das ist eine große Gaststätte – Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Ernst Barlach hätte es kennen lernen können. Hier werden Speisen und Getränke angeboten, die die Elsässische Kost repräsentieren: Elsässer Bier, Sauerkraut, Wurst, heute als Gericht "Choucroute’’ bekannt und geschätzt. In all diesen Cafés fand und findet man wohl zu jeder Zeit den Charme der rive gauche als Ausdruck von Lebenskunst, intellektuellem und künstlerischem Flair.

Bilder: "Brasserie Lipp"

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Auf der rive gauche an der Seine weitergehend, gelangt man vom Pont de la Concorde zur wohl schönsten Brücke in Paris, dem Pont Alexandre III. Ernst Barlach hätte zwar nicht den Beginn des Baus der Brücke und auch nicht seine Vollendung miterlebt haben können, aber auf jeden Fall die Bauarbeiten im Frühjahr 1897. Die Brücke beeindruckt durch ihre Jugendstil-Verzierungen und hat seit ihrer Fertigstellung anlässlich der Weltausstellung 1900 alle Menschen, die sie passierten, fasziniert. Sie wurde nach dem Zaren Alexander III. benannt, sein Sohn Nikolaus II. hatte den Grundstein zum Bau der Brücke gelegt.

Vom Brückenkopf an der linken Seite der Seine erschließt sich mit Blick nach Süden das gesamte Ensemble der Bauten um den “Dôme des Invalides’’. Besucher gelangen von Norden zuerst zum Hôtel des Invalides. Bereits Ludwig XIV. ließ das riesige, 200 Meter lange Gebäude auf der Ebene der Grenelle, damals außerhalb der Stadt gelegen, für die Invaliden seiner vielen Kriege errichten, eine Neuheit sozialer Maßnahmen zu damaliger Zeit. Bis zu 4000 Personen konnten untergebracht werden. Ehrenhof, Soldatenkirche St-Louis-des-Invalides sowie Dôme des Invalides stellen die Reihenfolge der Bauten im Zentrum des Gesamtkomplexes dar. Der "Dôme des Invalides" in seiner überwältigenden Architektur des französischen Barock aus dem Grand Siècle, der Zeit Ludwig des XIV., ist der krönende Abschluss der Gesamtanlage “Des Invalides’’.

Bild links: "Cour d'Honneur" (Ehrenhof)
Bild rechts: Jugendstil-Elemente der Brücke "Pont Alexandre III"

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1840 wurde der Leichnam des Kaisers Napoleon, 19 Jahre nach seinem Tode, von St. Helena in einem pompösen Trauerzug durch den “Arc de Triomphe’’ und über die Avenue des Champs-Elysées zum Invalidendom geleitet. Hier ruht er seitdem in sieben ineinander gefügten Särgen. Den Abschluss der repräsentativen Bauten auf der rive gauche bildet seit 1889 der Eiffelturm, vom Ingenieur Gustave Eiffel anlässlich der Weltausstellung desselben Jahres erbaut. Der Eiffelturm prägte auch zum Zeitpunkt des Paris-Aufenthaltes von Ernst Barlach das Stadtbild von Paris, obwohl das Monument nur für die Weltausstellung 1889 erbaut werden sollte. Seine Existenz war anfangs umstritten, man gab dem höchsten Turm der Welt Spottnamen. Guy de Maupassant soll regelmäßig am Eiffelturm gespeist haben, um ihn nicht sehen zu müssen. Er und andere bedeutende Persönlichkeiten der Stadt, wie Charles Garnier, der Erbauer der Oper Garnier, Emile Zola und Paul Verlaine verfassten ein Manifest, mit dem sie gegen die Existenz des "unnützen und ungeheuerlichen’’ Eiffelturmes protestierten. Der Turm hat eine Höhe von 324 Metern, die unterste Plattform liegt auf 57 Metern Höhe, die zweite Plattform auf 115 Metern Höhe.

Bild links: Blick vom Palais de Chaillot (rive droite) auf den Eiffelturm (25)
Bild mitte: Blick vom rechten Seine-Ufer auf den tour Eiffel
Bild rechts: Der Eiffelturm (Detail-Ansicht)

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In entgegen gesetzter Richtung vom Eiffelturm, südlich des Boulevard Saint-Germain, östlich tangiert vom Boulevards Saint-Michel liegt einer der schönsten Parks von Paris, eine echte Alternative zu den Tuilerien, der

Jardin du Luxembourg

Ihn schätzten die Pariser besonders, er war der populärste unter den Parks der Stadt. Guy de Maupassant fasste seine Begeisterung für diesen Park in Worte (aus “Menuett’’, ausgewählt: 10, S. 106):

... "Ich stand früh auf; und eine meiner liebsten Vergnügungen war es, allein, gegen acht Uhr morgens durch den Ziergarten des Luxembourg zu wandern. Ihr habt ihn nicht gekannt, diesen Ziergarten? Er war wie ein vergessener Park aus einem vergangenen Jahrhundert, ein Park, reizend wie das sanfte Lächeln einer alten Frau. Dichte Hecken trennten die engen, regelmäßigen Alleen... Hierher kam ich beinahe jeden Morgen. Ich setzte mich auf eine Bank und las. Manchmal ließ ich das Buch auf meine Knie sinken, um zu träumen, um rund um mich Paris leben zu hören und die unendliche Ruhe dieser altmodischen Laubengänge zu genießen."

Günter Grass erklärte seiner Tochter, die allein in Paris lebte, dass im Jardin der Einsame nicht mehr einsam sei.

"Alle Einsamen ... gehen in den Jardin du Luxembourg, treffen dort auf andere Einsame, und wenn auch keiner sich zum anderen gesellt, so strömt der Park doch eine Gemeinsamkeit aus, die alle Einsamen beseelt; geborgen werden sie eins mit den anderen, und erst, wenn sie den Platz wieder verlassen, kehren sie in ihre private Einsamkeit zurück." (vgl: 10, S. 101)

Bild links: Jardin du Luxembourg
Bild rechts: Palais Luxembourg

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Der Park hat zu jeder Zeit für jeden eine Möglichkeit der Besinnung, der Beschäftigung, der Kommunikation, des Spielens geboten. So gibt es im südlichen Teil des Parks drei Rasenflächen zwischen hohen Bäumen für Kinder unter sechs Jahren zum Spielen. Honoré Balzac erzählte Geschichten über den Park, wo die Studenten lernen, weil ihre Zimmer so eng waren. Der Jardin hat Flächen, auf denen sich Tennisplätze befinden, für eine halbe Stunde darf man spielen, wenn man sich vormittags persönlich ein Spiel hat reservieren lassen. Sandbahnen, in Holz eingefasst, sind vorgesehen für das Spiel der Franzosen, vor allem der Männer fast jedes Alters: Das Boule. Es bleibt festzuhalten, dass dieser Jardin du Luxembourg ein öffentlicher Raum war und ist, er steht jedem offen, der ihn betreten möchte, gebunden an die entsprechenden Öffnungszeiten, denn er wird auch abgeschlossen. Man sieht hier jeden: Großväter, Großmütter, Eltern mit Kindern, Erwachsene ohne Kinder, Reiche, Arme, Gesunde, Kranke, berühmte Leute, Schüler, Studenten, Professoren, Geschäftsleute, Menschen aus dem Ausland. War es nicht auch ein Park, der einem Künstler wie Ernst Barlach die Möglichkeit gegeben haben könnte, mit Stift und Block das Treiben der Menschen im Bilde festzuhalten?

Die Schönheit und Attraktivität dieses Parks in Paris verdanken alle, die ihn besuchen durften, dem mit der Neugestaltung der Stadt beauftragten Präfekten Haussmann, denn Napoleon III. hatte den Auftrag zur Neugestaltung der Stadt Paris nicht nur auf Wohnungen und Plätze sowie Straßen bezogen, sondern als Zeichen kluger ökopolitischer Sicht die Gestaltung bzw. Umgestaltung von Parks eingeschlossen. Verantwortung für dieses Konzept trug der Ingenieur Adolph Alphand, er war Leiter eines eigens für diese Aufgaben geschaffenen Gartenbauamtes und wirkte über zwanzig Jahre in dieser Funktion.

Das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der Ernst Barlach für zwei Aufenthalte gelebt und studiert hatte, ist auf dem rechten Ufer der Seine (rive droite) gleichfalls durch imposante Gebäude geprägt. Ein Bindeglied zwischen den beiden Ufern stellt die Ile de la Cité dar. Hier waren die Ursprünge der Stadt Paris zu finden. Alles überragend zeigt sich die Kathedrale Notre-Dame in der gegenwärtigen Gestalt als gotisches Meisterwerk seit etwa 1330, nachdem die Grundsteinlegung des Baus einer Kirche 170 Jahre zuvor erfolgt war.

Bild links: La place du Parvis Notre-Dame
Bild rechts: Kathedrale Notre-Dame, Nahaufnahme

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Die Kathedrale Notre-Dame war der Standort großer historischer Ereignisse, in ihrer Bedeutung kam sie den Kathedralen von Reims als Krönungsort der Könige und von Saint-Denis als Grablege der Könige gleich. 1444 wurde hier der Rehabilitationsprozess der Jungfrau von Orléans eröffnet. 1804 setzte sich Napoléon hier die Kaiserkrone aufs Haupt. Victor Hugos Roman "Notre-Dame de Paris’’ (1831) ist es zu verdanken, dass die durch die Revolution Schaden genommene Kathedrale restauriert wurde. Durch Georges-Eugène Haussmann verlor die Ile de la Cité ihr ursprüngliches Aussehen mit den engen Gassen, überragt von Notre-Dame, dafür konnten Gläubige nun über einen gewaltigen Vorplatz auf die Westfassade der Kirche zugehen mit ihren drei Portalen und darüber wiederum mit der Königsgalerie, über die sich zentral zwischen den beiden Türmen die größte Fensterrose befindet, die die Erbauer der Kirche zu gestalten in der Lage waren. Die zentrale Lage der Kathedrale führte zu der Entscheidung der Stadtplaner, alle französischen Nationalstraßen hier beginnen zu lassen.

Überquert ein Besucher der Stadt Paris auf der rive droite die Rue de Rivoli in der Höhe des Place du Carrousel am Louvre, dann empfängt ihn sehr bald die Avenue de l’Opéra, die jeden Besucher mit Sicherheit zur Place de l’Opéra führt, um dann staunend vor dem Haupteingang dieses Opernhauses zu stehen. Von Straßen und Plätzen in Form eines Rombus eingerahmt, befindet sich hier seit ihrer Eröffnung am 5. Januar 1875 die “Opéra de Paris Garnier’’, auch “Palais Garnier Paris’’ genannt.

1. Bild von links: Gedenktafel für Charles Garnier (1825-1896), dem Erbauer der Oper Garnier
2.+3. Bild von links: Frontansichten der Oper
4. Bild von links: Detail der Vorderansicht (Detail)

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Bild links: Hinterbühne des Opernhauses
Bild mitte: Rotunde links (Pavillon des Kaisers) mit Auffahrtrampe
Bild rechts: Treppenhaus der Pariser Oper Garnier

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Zur Einweihung erklang Musik aus “Die Jüdin’’ des französischen Komponisten Jaques Fromental Halévil und Auszüge aus “Die Hugenotten’’ des deutschen Komponisten Giacomo Meyerbeer. Beide waren Hauptvertreter der Pariser “Grande Opéra’’. Beide waren 13 Jahre (Halévy) bzw. 11 Jahre (Meyerbeer) vor der Einweihung des Pariser Opernhauses Garnier in Nizza bzw. Paris gestorben. 1858 beschloss Napoleon III. die Errichtung einer Oper im Zentrum des neuen Geschäftsviertels, das von Baron Haussmann geplant wurde. Aus 171 Bewerbungen wählte man einstimmig das Projekt von Charles Garnier. 1862 begannen die Bauarbeiten, die allerdings 15 Jahre in Anspruch nahmen, weil zum einen wochenlang Wasser aus der Baugrube abgepumpt werden musste und zum anderen während der Pariser Kommune im Zuge der Belagerung von Paris der Opernbau als Depot und Gefängnis genutzt wurde. Die Oper Garnier empfängt jeden Besucher der Stadt, von der Avenue de l’Opéra kommend, mit ihrer prächtigen Eingangsfassade, dekoriert mit Büsten bedeutender Komponisten Europas und als “Adresse’’ gekennzeichnet mit den Schriftzügen "Académie Nationale De Musique’’. Von vorn überragt die kupferne, goldverzierte Flachkuppel des Zuschauerraumes das Opernhaus. Das prächtige Aussehen zeigt sich in der Verwendung von verschiedenen Materialien und in einer Mischung unterschiedlicher Stilrichtungen von Barock bis Klassik. In Höhe des Zuschauerraumes mit etwa 2100 Sitzplätzen befinden sich je eine Rotunde, eine Art Pavillon, links für die Gemächer des Kaisers, mit einer Auffahrtrampe verbunden, rechts als Eingang für die Abonnenten. Der Giebel des Bühnenhauses überragt mit seinen 60 Metern Höhe das gesamte Opernhaus. Der Innenraum mit seinen vier goldverzierten Balkonen und Säulen, die die Decke des Zuschauerraumes tragen, sind Ausdruck von Pracht und Traum des Bürgertums von Paris. Die Innengestaltung erreicht ihren Glanzpunkt und Schauplatz für große Auftritte durch das prächtige Treppenhaus. Die Geschichte dieses grandiosen Opernhauses ist eine Geschichte von Gala-Abenden, von Opernaufführungen, im besonderen aber auch von großen Erfolgen des Balletts.